Du, nicht ich.

Eine steinige Straße verliert sich am Horizont. Jeder Stein wurde einzeln verlegt. Sie ist erstaunlich glatt dafür, dass man sich die Steine nicht aussuchen konnte. Sie lagen da einfach herum.
­Man sollte auf seine Füße schauen, wenn man vorwärtskommen und nicht stolpern möchte. Jeder Schritt muss sicher sein. Links und rechts sind die Abgründe steil. Aber die Landschaft, sie ist atemberaubend! Ich kann nicht einfach an ihr vorbeigehen.


Ich habe dich schon längst aus den Augen verloren, weil du zielstrebigen Schrittes weitergegangen bist, während sich mein Blick immer wieder an den Bergen verfängt. Ihre Silhouette ist scharfkantig und hart, grauer Fels umrahmt die wenigen grünen Farbtupfer an den Hängen. Dass hier überhaupt Leben existiert, scheint beinah paradox. Aber dort, zwischen dem Geröll, huscht auf leisen Sohlen eine Eidechse umher, auf der Suche nach einem idealen Sonnenplatz.
Eine Dohle hockt auf einer Felskante und blickt hinab in den Abgrund. Ich stolpere, weil ich nicht auf den Weg geachtet habe. Der schwarze Vogel breitet seine Schwingen aus und stürzt sich in die Tiefe. Einen Atemzug später schwebt er, getragen von kaum spürbaren Winden, davon. Ich beneide ihn um seine Freiheit.
Ich rapple mich auf, stütze mich auf den scharfkantigen Steinen ab. Meine Finger verweilen einen Moment, fühlen die warme, raue Oberfläche. Wie von selbst schließen sie sich um einen kleinen Stein und lassen ihn in meiner Tasche verschwinden.
Hastig klopfe ich den hellen Staub von meinen Händen. Ich muss mich beeilen, sicher sorgst du dich schon!


Ich habe Mühe, aufzuholen. Irgendwann – ich habe aufgehört, die nächsten Kurven zu zählen – sitzt du da, mit all den anderen. Das leere Butterbrotpapier wird bereits zusammengerollt, man ruft zum Weiterziehen.
„Entschuldige!“ Ich bin ein wenig außer Atem.
„Schon gut“, unterbrichst du mich lächelnd und streckst deine Hand aus. „Komm, wir wollen die Anderen nicht warten lassen.“
Ich muss auf meine Füße schauen, wenn ich mit dir Schritt halten möchte, damit du mit den Anderen Schritt halten kannst. Ich stolpere oft, werde nur durch deine Hand gehalten, die mich weiter vorwärts zieht.
Die Landschaft links und rechts, sie ist atemberaubend. Ich frage mich, ob sie da vorn genauso schön ist, aber ich kann es nicht sehen – die Anderen sind mir im Weg.
Mein Atem geht schnell, als der Weg immer steiler wird. Nicht schnell genug für euer Tempo.

Wo wollen wir eigentlich hin?

Als ich stehen bleibe und meine Hand aus deiner löse, ist dein Blick überrascht. Die Anderen haben es nicht bemerkt, sie stapfen gut gelaunt weiter vorneweg. Du siehst ihnen nach, dann wieder zu mir, und erneut nach vorn.
„Kommst du?“, fragst du erwartungsvoll. „Wir sind doch bald da.“
Sind wir das nicht schon die ganze Zeit?
Mein Blick schweift noch einmal über die scharfkantigen Silhouetten, die grünen Hänge. Ich atme den Geruch des warmen Gerölls, denke an das Huschen der kleinen Eidechse, höre das Knistern der trockenen Grasbüschel im Wind. Über mir fliegt eine Dohle, und meine Hand wandert wie von selbst in meine Tasche.
Der kleine Stein ist immer noch warm.
„Ich denke, ich bleibe noch ein bisschen hier.“
Du schaust mich einen Moment lang verwundert an und nickst dann.
„Okay.“
„Okay?“, frage ich, und hake zögerlich nach: „Bleibst du auch noch einen Moment?“
Du schüttelst den Kopf. „Ich sage allen Bescheid. Mach nicht zu lang!“


Die steinige Straße verliert sich am Horizont. Ich schaue dir nach, wie du zielstrebig den Anderen folgst.
Du willst sie nicht warten lassen.


 

 

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