Am Anfang, oder: Mittendrin

01.01.2019. Die Straßen sind überzogen vom typischen braun-bunten Matsch, gemischt mit Raketenstäben und abgebrannten Wunderkerzen. Es scheint wie jedes Jahr die goldene Regel des Feuerwerks zu sein: Je mehr gezündelt wird, desto weniger räumt man weg. Der Regen hat kaum eine Chance gegen den Dreck – das Meiste wird die Kehrmaschine einen Tag später erledigen müssen. Vor meinem Haus hockt ein Mann mit einem Eimer auf der Straße und sammelt mit Handschuhen durchnässte Papphülsen auf. Vermutlich von seinem eigenen Feuerwerk. Ich lächle ihm zu.

02.01.2019. Ich spaziere durch die Stadt. Vereinzelte Schneeflocken tanzen durch die Luft. Eine Windböe fährt durch die Häuser, ich schlage meinen Mantelkragen nach oben. Wie von selbst tragen mich meine Füße in die Buchhandlung. Im Schaufenster ist noch immer Weihnachten, doch drinnen ist bereits der Alltag wieder angekommen. Die Adventskalender sind ebenso verschwunden wie die plötzlich Bücher-affin gewordenen Menschenmassen, die sich noch vor zwei Wochen zwischen den Regalen und Büchertischen drängten. Aber so richtig angekommen ist es noch nicht, das neue Jahr. Ein paar einzelne Diätratgeber und Yoga-Handbücher buhlen zaghaft darum, zum guten Vorsatz zu werden. Sie haben die Selbstliebe-Ratgeber ganz vergessen. „Neues Jahr, neues Ich“, kündigt mir mein Internetbrowser zu Hause die besten Tipps zum Finden der perfekten Vorsätze für 2019 an.

03.01.2019. Ich streiche über meinen neuen Kalender. Sein Einband ist dunkelgrau, glatt, und wird in ein paar Monaten die gleichen abgewetzten Ecken aufweisen wie sein Vorgänger. Die erste Seite ist auf eine erwartungsvolle Weise leer. Mit den üblichen Farben übertrage ich einige Termine für den Monat Januar, dann kehre ich zurück zur ersten Seite. „10 Ziele für 2019“, schreibe ich mit grünem Stift, und dann untereinander die Zahlen 1 bis 10, weil ich das vor einem Jahr genau so gemacht habe. Danach lege ich die Stifte beiseite. Damals waren es achtzehn Ziele, von denen ich sechs erreicht habe. Trotzdem war es damals wichtig für mich, diese Ziele zu setzen – Ziele, keine Vorsätze. Konkret, nicht vage. Realitisch. Warum fällt es mir dieses Jahr so schwer?

Vielleicht, weil sich dieses Neujahr gar nicht so sehr nach Anfang anfühlt. Das vergangene Jahr war aufregend, wechselhaft, voll mit Neuen, wunderbaren Dingen und schweren, herzzereißenden Entscheidungen. Und seitdem: Gehen die Dinge ihren Gang. Das ist gut so. Es war richtig, noch einmal neu anzufangen. Aber hier, jetzt, am Jahresanfang – da bin ich schon mittendrin.

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