500 km – Das Leben in vollen Zügen

Freitag, 14:00 Uhr. Ich verlasse das Büro im Laufschritt, den vollgepackten Rucksack geschultert. Warum schaffe ich es eigentlich immer, dass der voll wird? Für zwei Tage kann man doch unmöglich so viel brauchen!
Der Weg zum Bahnhof ist zum Glück nicht weit: Dreimal umfallen, zwei Schritte zurück. Ab in die S-Bahn, den Rucksack auf den Sitz fallen lassen. Uff. Übrigens ein Luxus, den man sich auch tatsächlich nur in unserer Provinz-S-Bahn leisten kann – aber dazu später mehr.

Was hier nach großer Reise klingt, ist im Grunde ganz normaler Alltag. Also, am Wochenende, so ein- bis zweimal im Monat. Fernbeziehung sei dank. Früher war ich immer der Meinung, es wäre das Dümmste überhaupt, eine Fernbeziehung einzugehen. Heute weiß ich: Ist es auch! Es ist unglaublich zermürbend, anstrengend, und gefühlt lebt man nur an den gemeinsamen Wochenenden so richtig. Aber wenn man es richtig macht, denkt man über all die negativen Aspekte gar nicht so sehr nach – schließlich ist es das wert. Und wenn einem das Leben einen Seelenverwandten schenkt, der dummerweise 500 km entfernt lebt, aller noch so geringen Wahrscheinlichkeit eines Kennenlernens zum Trotz, … sagt man dann wirklich Nein? #rhetorischeFrage

Am Hauptbahnhof bin ich froh, eine S-Bahn eher genommen zu haben. Ich dränge mich an wartenden Menschen mit gigantischen Rollkoffern vorbei, die, ich ahne es schon, alle auf den selben EC warten wie ich. Kurz blitzt ein Funken Reue in mir auf: Warum habe ich eigentlich keinen Sitzplatz reserviert? Richtig, weil ich die 4,50€ lieber in Laugenbrötchen investiere. Außerdem sind es ja nur zwei Stunden.
Ich halte also Ausschau nach einer möglichst günstigen Position, denn das ist schließlich entscheidend! Zwei Meter zu weit links oder rechts, und der Kampf um den Sitzplatz ist von vornherein verloren.

14:50 Uhr. Quietschend kommt der EC am Gleis zum Stehen. Es ist einer dieser Züge, die ein wenig an den Hogwarts-Express erinnern, nur eben in Blau und ohne qualmende Dampflok. Übrigens noch so ein Grund, warum ich auf eine Reservierung verzichtet hatte: Wenn du reserviert hast, musst du auch da sitzen, egal wie komisch die Leute in deinem Abteil sind!
Meine Naivität, derartige Befindlichkeiten tatsächlich berücksichtigen zu können, löst sich schnell in Wohlgefallen auf. Andere Menschen sind offenbar deutlich weniger anspruchsvoll. Oder aber sie hatten eine realistische Vorstellung davon, wie voll ein Zug am Freitag Nachmittag sein kann. Es ist genau ein Abteil frei. Erleichtert stürze ich hinein und wuchte meinen Rucksack auf die Gepäckablage. Immerhin gibt es hier eine. Aber wie schaffen das eigentlich die Menschen mit den riesigen Rollkoffern?

„Excuse me, is this seat taken?“, fragt eine Stimme hinter mir. Ich drehe mich um und blicke einer freundlich lächelnden jungen Frau mit wilden Dreadlocks ins Gesicht. Ihr Freund trägt eines dieser Batik-T-Shirts, die es schwer machen, ihn nicht in die Klischee-Kiste zu stecken. Über seiner Schulter hängt eine riesige IKEA-Tüte.
Ich schüttle den Kopf und mache eine auffordernde Handbewegung. Die beiden setzen sich auf die freien Plätze mir gegenüber. Die IKEA-Tüte plumpst zu Boden. Ihr Inhalt erinnert mich an meinen Wocheneinkauf – falls ich jemals im Lotto gewinnen und in einem dieser hippen Biomärkte einkaufen gehen könnte.

Ich gönne den beiden ihren Bioeinkauf, frage mich aber besorgt, ob dieses Abteil den Mindesthaltbarkeitsanforderungen der Lebensmittel gerecht wird: Es erinnert nämlich plötzlich so gar nichts mehr an die luftigen 18 Grad, die ich draußen noch so genossen habe. Ich strecke mich nach dem Fenstergriff und ziehe daran. Verschlossen. Ich inspiziere den Drehregler der Klimaanlage und drehe ihn hoffnungsvoll auf so kalt wie möglich.

Eine halbe Stunde später ist allen Insassen klar, warum das Abteil frei war. Die gefühlte Temperatur liegt bei 35 Grad. Feine Schweißperlen haben sich auf meiner Stirn gesammelt. Die junge Frau stöhnt und verkündet in regelmäßigen Abständen, wie „disgusting“ dieser Zustand wäre. Aber irgendwie sind wir wohl alle froh, hier sitzen zu dürfen, und fügen uns unserem Schicksal. Ich verkrieche mich in meinem Sitz und atme so ruhig wie möglich. Es sind ja nur zwei Stunden. Und immerhin passen Geruch und Akustik des IKEA-Tüten-Picknicks ganz wunderbar zu den sommerlichen Temperaturen in unserem Abteil.


In der Rubrik „Das Leben in vollen Zügen“ teile ich persönliche Erfahrungen aus meinen Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Erlebnisse werden künstlerisch aufbereitet und nicht 1:1 wiedergegeben. Keiner dieser Texte soll deutsche Verkehrsunternehmen und erwähnte Personen diffamieren oder in irgendeiner Weise herabwürdigen. Ich bin überzeugter Nicht-Autofahrer und schätze den Luxus, eine derartige Infrastruktur nutzen zu dürfen, sehr. Letztendlich wäre es ja aber ohne die ein oder andere Prise Extravaganz fast schon langweilig, stundenlang im Zug zu sitzen… 😉

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