Mit ohne Hund

Als wir vor drei Jahren beschlossen, einen Hund zu adoptieren, überhäufte man uns mit Bedenken: „Ich werdet kaum noch Zeit haben!“ – „Denkt doch daran, wie viel Arbeit das ist!“ – „Ihr verliert eure Unabhängigkeit!“ – „So ein Tier ist vollkommen abhängig von euch!“
Heute lebe ich allein mit dieser „unglaublichen Einschränkung“ – bis auf die wenigen Tage, an denen ich sie aus beruflichen oder sonstigen Gründen einmal an Bekannte abgebe. Neulich dachte ich dabei über die Vorzüge meiner Zeit ohne Hund nach…

Nr. 1: Putzen

Die Tür fällt ins Schloss und ich atme tief durch. Ich muss lüften, denke ich dabei. Die feuchte Luft riecht an grauen Tagen stets ein wenig nach nassem Hund. Ich schaue mich in der Wohnung um, seufze. Frühling – Fellwechsel. Das wunderschöne, helle Laminat ist übersäht von schwarzen Haarflocken.

Ich zerre den Staubsauger aus seiner Ecke. Damals beim Kauf hätte uns fast wieder der Geiz gepackt: Viel zu teuer war dieses extra saugstarke, tierhaarvernichtende und geruchsneutralisierende Modell! Im Nachhinein habe ich noch nie so gern so viel Geld ausgegeben. In zehn Minuten hat das dröhnende Monstrum, das der Hund so fürchtet, all seine Fellbüschel verspeist. Fünfzehn Minuten später sind auch die Fußtapsen dem Wischmobb gewichen und das Laminat glänzt wieder. Herrlich! Früher habe ich Wischen gehasst. Heute symbolisiert es für mich dieses kleine Zeitfenster, in dem ich einmal mit Socken durch die Wohnung laufen kann – manchmal für eine halbe Stunde, während der Hund schläft. Manchmal für ein, zwei Tage, wenn ich hundefrei habe.

Nr. 2: Zeit

Am nächsten Morgen schlurfe ich genüsslich in meinen wollenen Schlafsocken in die Küche, stellte den Wasserkocher an, und erfreue mich der vielen Zeit, die mir noch bleibt. Natürlich hätte ich länger schlafen können, aber ich bin mittlerweile daran gewöhnt, dass der Wecke um 6:00 Uhr klingelt – diesen Rhythmus stellt man nicht einfach für ein paar Tage ab.

Während der Tee zieht, schnipple ich buntes Obst in meine Brotdose. Dazu kommt ein Sandwich, heute sogar mit Salat. Ich packe alles in meinen Rucksack und schaue auf die Uhr: 6:30 Uhr.
Als ich 7:00 Uhr im Büro sitze, fühle ich mich ein wenig fehl am Platz. Ich nippe an meinem Tee und sehe kurz aus dem offenen Fenster. Die Luft ist klar, die Vögel zwitschern. Ein wunderschöner Morgen. Ich hätte ihn gern geteilt.

Nr. 3: Ruhe Stille

16:00 Uhr fällt die Tür hinter mir ins Schloss. Die Wohnung empfängt mich mit völliger Stille. Kein schwanzwedelndes, fiepsendes Tier springt mir entgegen, kein Staubsauger wird durch die Wohnung gezerrt, weil der Flur nach der stürmischen Begrüßung für gewöhnlich einmal mehr mit Haaren übersäht ist.

Ich stelle den Rucksack ab und lasse mich auf’s Sofa fallen, wissend: Ich kann jetzt einfach nichts tun. Ich muss nicht raus, ich kann mir einen Tee kochen, ein Buch lesen, die Füße hochlegen…
Als ich am Abend ebendies tue, umfängt mich noch immer Stille. Nicht im akustischen Sinne – die tägliche Folge meiner aktuellen Serie flimmert wie immer über den Bildschirm. Es ist mehr eine unterschwellige Stille, die durch das Fehlen gewohnter Geräusche entsteht: Das leise Tappen der Pfoten auf dem Laminat, das Schlecken am Wassernapf, das wohlige Brummen, wenn ich dem sehnsüchtigen Blick irgendwann nachgegeben und „Okay“ gesagt habe, damit sich der Hund neben mir auf’s Sofa kuscheln kann.

Offensichtlich bin ich nach drei Jahren mit Hund einer dieser verrückten Hundemenschen geworden, die es ohne ihren „Liebling“ kaum aushalten, tippe ich, und denke eigentlich: Ich war schon immer dieser verrückte Hundemensch. Ich liebe Hunde! Ich liebe es, dass immer jemand da ist, und ich dennoch meine Ruhe habe. Denn genau das ist es, was Hunde ausmacht: Sie sind gern zu zweit allein. Sie sind ungern einsam und wollen gleichzeitig nicht ständig kommunizieren. Sie sind irgendwie wie ich. Und das ist jede Einschränkung wert.

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