Ruheabteil – Das Leben in vollen Zügen

Neulich fragte mich eine Mitreisende im ICE, irgendwo zwischen umherrennenden Kindern und angeregten Gesprächen mit hilfesuchendem Blick, wer denn eigentlich dafür sorgt, dass das Ruheabteil tatsächlich ein Ruheabteil bleibt. Ich musste darüber tatsächlich eine Weile nachdenken. Welche Regeln gelten denn für das Ruheabteil? Kein Telefonieren, das ist klar. Aber gilt das auch für ein Gespräch zwischen zwei Reisenden, quasi vor Ort? Und was ist mit Kindern, sind die aus diesen Bereichen grundsätzlich zu verbannen? Darf ich mein Brötchen aus der knisternden Bäckertüte holen? Eine Packung Gummibärchen öffnen? Hochmotiviert einen Blogpost in die Tastatur hacken? Wirkliche Regeln, außer RUHE kann man dafür wohl nicht festlegen.
„Ich schätze, dafür ist jeder selbst verantwortlich“, antworte ich also letztendlich halbherzig – wohl wissend, dass jeder selbst einen Scheiß tut.


„Mamaaaaaa“, ruft Jeremy, „Mamaaaaa, guck mal! Ich bin ein Känguru!“, und hüpft munter durch den Gang. Der Zug fährt über eine Weiche und Jeremy taumelt seitlich gegen meinen Tisch. Eine Ladung Tee schwappt über den Becherrand. Mein Hund zieht verstört den Kopf ein.
„Mama, Mama, guck mal, ein Hund!“
Ich schenke dem Jungen ein schmales Lächeln – immerhin kennen wir uns ja schon ein kleines bisschen. Also, ich weiß, er heißt Jeremy (oder wie seine Mutter ihn liebevoll nennt: Dschärämie), und wird antiautorität erzogen.
Im Laufe der nächsten zwanzig Minuten wünsche ich mir, ich hätte dem Kind stattdessen einen Blick des Todes geschenkt, denn fortan linst Jeremy bei jeder Gelegenheit um die Ecke. Wer Hunde versteht, oder selbst schon einmal penetrant beobachtet wurde, weiß: Entspannung geht anders.
Hinter mir sitzen Mama und Schwester, deren Namen ich noch nicht kenne, weil niemand ihnen in regelmäßigen Abständen hinterherruft. Die Schwester rennt immerhin nicht – sie spielt mit Bauklötzern. Ich finde es bewundernswert, mit zwei kleinen Kindern zu reisen, von denen sich wenigstens eines mit stoischer Kontinuität selbst beschäftigen kann. Ich wünschte nur, das kleine Mädchen wäre ein bisschen mehr wie ich in ihrem Alter: Eine Leseratte. Kein Baumeister.

„Meine Güde, das war än grandiosorr Tribb!“, ruft es einige Reihen vor mir.
„Schdimmd!“, pflichten die anderen bei.
„Kommd, wir dringn das jetzt. Bessorr wird’s ni!“ Ich vernehme ein mehrfaches Knack-Zisch und mir steigt der wohlbekannte Duft billigen Dosenbieres in die Nase.
„Off uns!“

Ich lehne meinen Kopf gegen die Fensterscheibe und betrachte die Landschaft da draußen. Gelbe Rapsfelder ziehen vorbei, dann wieder Kiefernwälder im Wechsel mit Kuhweiden. Noch 2 Stunden, denke ich, und versuche, meine Umgebung auszublenden. Hinter mir poltert es erneut. Jeremy rennt den Gang entlang. Mama ruft: „Dschärämieeee, iss erstma dein Brötschn!“ Mit Brötchen rennt es sich schließlich besser.

Ich seufze und treffe eine Entscheidung, die ich schon vor einer Stunde hätte treffen sollen: Ich sehe mich nach einem anderen Platz um. Es gibt tatsächlich einen, ein paar Reihen weiter hinten. Mit Sack und Pack in ein anderes Abteil zu ziehen, bei dem Reiseaufkommen, dazu fehlt mir im Moment die Energie. Die Platzreservierung hatte immerhin den Sinn, meine schwangere Kugel einfach nur in einen Sitz fallen zu lassen und erst nach 3 Stunden wieder aufstehen zu müssen.
Ich wuchte meinen Koffer von der Gepäckablage und schiebe ihn den Gang entlang, Hund und Rucksack hole ich kurz darauf nach. Nachdem alles wieder verstaut ist, plumpse ich auf den Sitz und atme tief durch. Natürlich kann ich Jeremy und die biertrinkende Wochenend-Trip-Gang immer noch hören, aber wenigstens wackelt mein Sitz nicht mehr, weil hinter mir das zwanzigste Bauwerk den Regeln der Schwerkraft folgt. Ein älteres Ehepaar auf der anderen Seite des Ganges schenkt mir ein mitfühlendes Lächeln. Geteiltes Leid ist halbes Leid, oder nicht? Und: Es sind ja schließlich nur Kinder.

„Guten Tag, die Fahrscheine bitte!“ Ich öffne mein Ticket in der App und krame nach dem des Hundes im Portemonnaie. Gleichzeitig denke ich, dass jetzt der alles entscheidende Moment kommt: Ist womöglich der Schaffner die Autoritätsperson, durch die das Ruheabteil seinen Zweck zurück erhält?
Ich sehe, wie Mama die Tickets zeigt. Jeremy und Schwesterchen erhalten jeweils einen dieser bunten Kinderfahrscheine. Das kleine Mädchen scheint sich zu freuen. Anschließend setzt der Schaffner seinen Weg fort und reduziert seine Autorität auf das Kontrollieren der Fahrscheine.

Als ich ihm das Handy und das Hundeticket zeige, nickt er beides ab, ergänzt mit Blick unter den Tisch: „Der Hund muss einen Maulkorb tragen“, und geht weiter.
Ich blicke verdattert zu meinem Hund hinunter, der es sich gerade mit einem Brummen bequemer zu machen versucht. Einige Reihen vor mir fängt das kleine Mädchen an zu heulen.
„Dschärämiee, gib deiner Schwester ihre Mütze zurück!“
Der Schaffner verlässt das Abteil. Ich krame den Maulkorb aus dem Rucksack und verstaue ihn griffbereit neben mir auf dem Sitz, damit ich ihn dem Hund anlegen kann, wenn ich in Richtung Toilette verschwinde. Dann lehne ich mich zurück und lasse das Tier schlafen. Immerhin versteht einer hier das Prinzip des Ruheabteils.


In der Rubrik „Das Leben in vollen Zügen“ teile ich persönliche Erfahrungen aus meinen Reisen mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Die Erlebnisse werden künstlerisch aufbereitet und nicht 1:1 wiedergegeben. Keiner dieser Texte soll deutsche Verkehrsunternehmen und erwähnte Personen diffamieren oder in irgendeiner Weise herabwürdigen. Ich bin überzeugter Nicht-Autofahrer und schätze den Luxus, eine derartige Infrastruktur nutzen zu dürfen, sehr. Letztendlich wäre es ja aber ohne die ein oder andere Prise Extravaganz fast schon langweilig, stundenlang im Zug zu sitzen… 😉

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