Wohlstands-gesellschaft

Ich habe doch glatt das Gemüse vergessen!, stelle ich fest, als ich Quark, Käse und Milch in den Kühlschrank räume. Seufzend verstaue ich Klopapier und Spülmittel im Regal nebenan, drapiere die Bananen neben den Weintrauben in der Obstschale und greife schließlich erneut nach dem Rucksack.

Ein zweites Mal fällt die Haustür hinter mir ins Schloss. Ich schwinge mich auf das klapprige alte Fahrrad und schiebe es über die wenigen Meter Kopfsteinpflaster bis zur Hauptstraße. Es ist Mittag und wenig Verkehr, ein paar Kinder zeichnen mit Kreide bunte Bilder auf den Gehweg. Die alte Omi von nebenan geht gerade die übliche Runde mit ihrem Dackel, er markiert den gleichen Busch wie heute Morgen und trippelt anschließend wieder stolz vorneweg.

Hinzu geht es leicht bergab. Ich rolle die Straße hinunter bis zur roten Ampel. Der grüne Rechtsabbiegerpfeil leuchtet auf. Ich bleibe stehen, ich will ja geradeaus. Hinter mit hupt es. Kopfschüttelnd rücke ich ein Stück nach rechts. Ein weißer Audi schiebt sich neben mich, während der grüne Pfeil wieder erlischt.

„Geht’s noch?“, frage ich durch das offene Fenster.
„Da ist’n grüner Pfeil!“ Eine verspiegelte Sonnenbrille sieht mich an.
„Das seh ich. Aber ich  steh vor Ihnen und will geradeaus.“
„Na Sie können doch da drüben drücken“, entgegnet der Typ und deutet auf die Fußgängerampel.

Es wird grün, und ich fahre mit einem weiteren Kopfschütteln über die Kreuzung. Und kaufe mein Gemüse. Als ich auf dem Rückweg, die Fußgängerampel benutzend, an einer jungen Familie vorbeifahre, werde ich energisch darauf hingewiesen, dass dies ein Fußgängerüberweg sei und ich dort ja nichts zu suchen hätte. Fahrradfahren in Deutschland: Egal, was du tust, tu es woanders – am besten du lernst fliegen.

Zu Hause packe ich mein Gemüse aus. Ein Teil landet gleich zum Waschen und Verarbeiten in der Spüle. Fröhlich zupfe ich ein paar Salatblätter von der Knolle, schäle eine Möhre, putze ein Radieschen… und wie all das schöne Gemüse da so frisch und knackig in dem alten, verbeulten Küchensieb liegt, halte ich plötzlich inne.
Ich lege das Messer auf die Anrichte zurück und greife nach einer der Verpackungen. „Herkunftsland: Spanien“, steht auf der halbvollen Schale Tomaten. Der Salat stammt aus Italien. Die Radieschen aus den Niederlanden. Eine der Schnittstellen, die beim Putzen entstanden sind, sieht aus wie ein Herz.

Einen Moment lang starre ich das formvollendete, nicht-saisonale Gemüse an und schäme mich für meine Dekadenz. Dann greife ich nach meinem Handy und schieße ein Foto. Immerhin ist es wunderschön, wie es da im Küchensieb liegt.
Ich empfinde dabei Dankbarkeit – dafür, mich ohne große Umstände von vielfältigem Gemüse ernähren zu können. Dafür, in einem Land aufgewachsen zu sein, in dem es selbstverständlich ist, Gemüse aus ganz Europa zu importieren. Denn eigentlich ist es das gar nicht – selbstverständlich. Es ist ein Privileg. Und womöglich sollten wir – ganz besonders die hupenden Audi-Fahrer – ein bisschen seltener meckern und öfter dankbar sein.

Uns geht es hier gut. Sorgen wir dafür, dass es so bleibt.

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