Wir wollen hier nicht die Welt retten

Es ist ein Morgen wie jeder andere. Ich stehe in meinen ausgelatschten FlipFlops im Park, die Haare noch ungekämmt und eigentlich noch nicht so richtig wach, und scrolle durch Instagram, während ich darauf warte, dass mein Hund sein Häufchen macht. Ich komme kurz ins Stocken, als mir ein Bild ins Auge fällt: „Europaparlament stimmt für Verbot von Plastikstrohhalmen“, steht da in fettgedruckten Buchstaben.

Ich sehe mich um. Neben mir auf der Bank stapeln sich Pizzakartons, der Boden ist übersät von Zigarettenkippen. Ich habe vorhin schon welche aufgelesen, auf dem neu eröffneten Kinderspielplatz, und gemeinsam mit einer Chipstüte und ein paar leeren Plastikflaschen in den Mülleimer geworfen. Gleich daneben, natürlich. Nur haben diese offenbar eine eingebaute Müllverweigerungsfunktion.

Der morgendliche Marsch durch Dönerpapier, Pizzakartons, leere Bierflaschen und ein Meer von Zigarettenkippen, garniert mit einer Handvoll Konfetti, die schon seit Wochen die Wiese ziert, lässt mich angesichts der Schlagzeile die Stirn runzeln. Das Stirnrunzeln ist tiefer als sonst. „Sonst“, das ist, wenn ich Blogger von Bambuszahnbürsten, Menstruationstassen und sonstigen „Zero Waste“-Produkten schwärmen sehe. Denn zwischen all dem Müll, den jeden Morgen aufzusammeln ein Einzelner gar nicht vermag, fehlt vor allem eines: Plastikstrohhalme.

Unwillkürlich denke ich an „Die Känguru-Apokryphen“ von Marc Uwe Kling und frage mich: Wie verlief wohl das Gespräch zu dieser Entscheidung? Vielleicht sagte jemand: „Also Leute, das geht so nicht mehr. Die Kinder schwänzen die Schule, weil wir die Umwelt mit unserer Konsumgesellschaft zugrunde richten. Die erwarten jetzt irgendwas von uns.“
Darauf folgte langes Überlegen. Die Nutzung von Verbrennungsmotoren reduzieren, indem man brauchbare Alternativen zum Autofahren schafft? Wäre irgendwie blöd für die Wirtschaft. Kohleausstieg? So viel Strom können wir mit erneuerbaren Energien vielleicht nicht produzieren, am Ende müsste man sich einschränken … wäre blöd für die Wirtschaft.
Irgendwann sagte Praktikant Nr. 1, der gerade an seinem Starbucks-Einwegbecher nippte: „Wie wäre es denn, wenn man Strohhalme verbietet?“
„Sehr gut!“, riefen alle. „Sehr gut! Dann müssen sich auch alle Mehrweg-Strohhalme kaufen! Das ist auch noch gut für die Wirtschaft! Damit schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe!“
Und als Praktikantin Nr. 2, eine junge, ambitionierte Studentin, die noch nicht vom Glauben abgekommen war, schüchtern fragte: „Aber was bewirken wir denn damit? Es schwimmt doch viel mehr Müll in den Weltmeeren herum.“, da schlug man empört mit der Hand auf den Tisch. „Nun machen Sie aber mal halblang, junge Frau! Wir können hier nicht an einem Tag die Welt retten!“

Vermutlich werden die Pizzaschachteln und Zigarettenkippen in unserem Stadtpark auch nie die Weltmeere erreichen – zum Glück. Sie erreichen höchstens den Magen irgendeines armen Tieres, das daran dann jämmerlich verreckt. Übrigens erreichen die bösen Plastikstrohhalme auch nur die Weltmeere, wenn man sie nicht in den Müll, sondern einfach sonstwohin wirft.

2 Gedanken zu “Wir wollen hier nicht die Welt retten

  1. Und dann wird vom Hundehalter gefordert, den gräßlichen Dreck des Hundes hinwegzunehmen vom ach so sauberen Pfad, schön verpackt in – genau, eine Plastiktüte, die auch noch freundlicherweise vom Gemeindeamt kostenfrei zur Verfügung gestellt wird. Ich frage mich schon die ganze Zeit, was wohl damit geschieht? Trennt da einer fein säuberlich den eigentlich ja wertvollen, organischen Abfall zwecks Wiederverwertung, sprich Dünger vom nur noch bei Hochtemperatur zu verbrennenden oder aber nach China zu verschippernden zwecks Fleecejacken- oder Plastikflaschenherstellung Kunststoffmüll? Oder wird das ganze gleich direkt verklappt um Umwege zu sparen? Ach ja, Plastikstrohhalme – es gab mal, richtig, Strohhalme, wo sind die eigentlich hingekommen?

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