Über das Nicht-Schreiben – #1 „Das will doch keiner lesen!“

Irgendwie fällt mir das Schreiben gerade außergewöhnlich schwer, denke ich, merke, dass ich schon seit einer Weile die Wand anstarre und der Mann mich noch immer erwartungsvoll ansieht, seufze, und sage: „Irgendwie fällt mir das Schreiben gerade außergewöhnlich schwer.“ Mich ausdrücken, das kann ich. Zumindest, wenn ich es irgendwie schaffe, meine Gedanken aka schlecht eingestelltes Radio irgendwie in klare Worte zu fassen.

Auch jetzt stelle ich fest, dass ich den genauen Wortlaut seiner Frage schon wieder vergessen habe. Sie ist irgendwo zwischen Raufasertapete, zugeschmierten Bohrlöchern und einem winzigen Nagel verschwunden, der mich an der leeren, weißen Wand hinter unserem Esstisch soeben noch minutenlang fasziniert hat. Vielleicht könnte man dort gleich den Kalender hinhängen – also, ehe man einen weiteren Nagel hineinschlägt und dann in ein paar Jahren ein Loch mehr zuschmieren muss…
Gedanklich abschweifen kann ich übrigens noch besser. Der aufmerksame Leser schätzt dies als eine meiner besonderen schriftstellerischen Qualitäten spätestens ab jetzt. Denn: Wer nie abschweift, hat auch nichts zu erzählen. Nicht unbedingt geradeaus zu denken, ist doch der eigentliche Kern des Ganzen.

„Wo liegt das Problem“, fragt er. Ach ja, unser Gespräch. Irgendwie ging es um meine Unzufriedenheit, die vermutlich – wie immer – völlig unbegründet ist.
Ich bemühe mich also, seine Hilfe anzunehmen und der Sache auf den Grund zu gehen. Also natürlich kenne ich ihren Grund: Es sind die leeren Notizbücher, die noch leereren Manuskriptseiten, die ausbleibenden Blogbeiträge, die weniger mit-Ach-und-Krach-300-Worte pro Tag. Entscheidend ist wohl eher der Grund des Grundes.
Ich zucke mit den Schultern. Rufe mich selbst zur Ordnung. Anworte schließlich: „Manchmal kommt es mir einfach so sinnlos vor. Manchmal denke ich: Das will doch sowieso keiner lesen.“
„Blödsinn“, schnaubt er. Ich ziehe eine Augenbraue nach oben. „Ich mag, was du schreibst. Wenn du etwas schreibst.“
„Du bist ja auch befangen!“
„Und wenn schon! Außerdem ist das ebenfalls Blödsinn. Du suchst nur einen Grund, wo gar keiner ist.“

Eine Weile kauen wir schweigend auf unseren Frühstücksbrötchen. Die Kaffeemaschine gluckert einmal, dann ist es wieder still. Ich stehe auf, um die Kanne zu holen, gieße ihm nach – Milch, Zucker – ja, gerne -, dann lehne ich mich mit einem gequälten Seufzen in meinem Stuhl zurück.
„Letztendlich muss ich also einfach schreiben, hm?“
„Mhhmhh“, macht er und nippt an seiner Tasse.
„Und wenn es dann keiner lesen will?“
„Und wenn doch?“
Ich ziehe eine Grimasse und greife nach der Marmelade. Wir wissen beide, dass ich das schon vorher wusste. Aber manchmal müssen Tatsachen eben ausgesprochen werden, um so richtig wahr zu sein. Oder aufgeschrieben. Denn wer weiß, vielleicht will es ja jemand lesen?

Ein Gedanke zu “Über das Nicht-Schreiben – #1 „Das will doch keiner lesen!“

  1. Schreibe ich, damit das gelesen wird? Das einer, zwei, viele lesen? Mir persönlich wichtige Leute lesen oder überhaupt in meiner Mutter Sprache lesekundige Zweibeiner? Oder schreibe ich aus einem inneren Zwang, ganz egal, ob das ich als Grillanzünder verwende, ein anderer irgendwann in die Tonne klopft oder es zu verspätetem Ruhm als verkanntes literarisches Genie führt? Ich schreibe. Von Hand, am Computer, früher Schreibmaschine (ha, das ist den meisten von Euch gar nicht mehr vertraut!), manchmal auch nur die Gedanken in den Wind. Und manchmal möchte ich schreiben, weil ich nun mal schreibe, weil ich immer schreibe, und es kommt nichts. Gehirnsekretstau oder auch Handkrampf, was auch immer. Oder es kommt tröpfenweise, einfach nicht zufriedenstellend. (Männer, insbesondere Ältere, werden das alles am besten verstehen…) Dann wieder, fehlende Gelegenheit, alles auf einmal, es stürmt, ich werde mitgewirbelt – und die Welt verlangt doch alles, alles andere. Ja, das ist so eine Sache. Was ist denn der Weisheit letzter Schluß, was die Quintessenz, die Erkenntnis? Na ja, ich sitze da und schreibe. Schreibe. Schreibe.

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