Vermenschlichung

„…und ganz wichtig:“, sagte die Hundetrainerin einst zu mir, „Es ist und bleibt ein Hund. Man darf ihn nicht vermenschlichen.“
Ich nickte eifrig, schließlich war es mein erster Hund. Die Trainerin griff auf jahrelange Erfahrung zurück, sie musste es ja wissen. Ich bemühte mich also fortan, meinen Hund nicht zu vermenschlichen – und glaubte lange, daran gescheitert zu sein.

Die Sonne steht schon tief, als wir das Haus verlassen. Tagsüber ist es viel zu heiß. Findus* trottet dennoch eher gemächlich hinter mir her, seine Krallen klicken leise auf dem sicher noch warmen Asphalt.

Im Park werfe ich kurz einen Blick in die Runde, halte nach anderen Hunden, insbesondere kleinen Kläffern aka potenziellen Opfern Ausschau. Die Luft ist rein, der Karabiner klickt, Findus ist frei. Er streunt ein wenig über die Wiese, schnuppert hier und da, während ich langsam weitergehe.

„Findus, wir gehen hier lang“, sage ich, als ich an der nächsten Kreuzung kurz abbiege. Er folgt mir, überholt, läuft ein Stück voraus. Wartet wieder.
Wir erreichen eine Bank im Schatten, auf der ich eine kurze Pause einlege – für mich, und für den Hund. „Kommst du zu mir?“ Auffordernd klopfe ich neben mir auf das Holz. Findus schaut mich an. „Okay“, sage ich, und er hopst neben mich.

Eine Weile sitzen wir da, als wäre es das Normalste überhaupt. Es ist eben dieser Moment, in dem ich an damals denken muss: An die Hundetrainerin und die Sache mit der Vermenschlichung. Ich schmunzle bei dem Gedanken, wie sie wohl den Kopf schütteln würde über die Tatsache, dass ich in ganzen Sätzen mit meinem Hund spreche, weil er auf ein-Wort-Kommandos kaum reagiert.
Dass Findus noch immer nicht apportieren kann, weil er darin keinen Sinn erkennt. Dass ich es noch immer nicht geschafft habe, interessanter zu sein, als ein Rascheln im Unterholz. Dass er mir trotzdem folgt oder zu mir zurückkehrt.

Ich frage mich heute mehr als damals, was damit gemeint sein soll: „Man soll seinen Hund nicht vermenschlichen.“

Seit ich den Charakter meines Hundes respektiere und ihn entsprechend behandle, stoße ich auf nichts als Vertrauen und Zuneigung – ein Effekt, der mir bei Menschen in dieser Form nur selten begegnet. Also nein, es würde mir nie einfallen, meinen Hund zu vermenschlichen. Das wäre fast eine Beleidigung.

Ich streiche sanft über Findus‘ Kopf. Er drückt ihn leicht gegen meine Hand, weil er es liebt, dort gekrault zu werden. Ich lächle.
„Komm, wir gehen weiter“, sage ich irgendwann. Er lehnt sich in meine Arme und ich helfe ihm von der Bank. Vielleicht bin ich ein wenig seltsam, denke ich. Aber das ist gut so.


*Name von der Redaktion geändert.
Der Hund hat schließlich auch ein Privatleben. 😉

2 Gedanken zu “Vermenschlichung

  1. In dem Moment, in dem wir den Hund vermenschlichen, ja, verkindlichen tun wir ihm nicht nur unrecht – schließlich hat sich die ganze domestizierte Art Hund seit Aberjahrtausenden genau daran angepaßt. Dass wir auf die dümmstmögliche, menschlichste Art, oft sogar in Babysprache mit Kosenamen albern auf ihn einreden. Dann wieder kommandieren wir ihn mit hingebellten Wörtern, die er, wie auch, im immer gleichen Kommandoton so wenig unterscheiden kann wie ein armer Rekrut die ähnlichen Geräusche seines Uffz. Ja, genau daher kommt nämlich auch unser ach so weises Hundetraining! Interpretieren wird der Hund weniger unsere Wörter, immerhin fehlt ihm dafür das Sprachzentrum im Gehirn, sondern unseren Gestus, sogar unsere Mimik und den Tonfall. Sage ich zu dem einen Hund „aus“ versteht der Dackel daneben „Maus“ und beginnt zu suchen! Und das dem militärisch – administrativen Komplex entstammende Hundetraining ist eben auf Kadavergehorsam mit so wenig Zuwendung wie nur menschenmöglich ausgelegt (und daher natürlich auch das überzogene Rangordnungsgetue). Hunde aber, die alten Kontaktlieger und Konkurrenzfresser, sind auf soziale Bindung aus, auf Nähe und auf unsere Gefühle, unsere Intentionen. Das entwertet klare Kommandos nicht, aber für den Hund müssen sie klar sein, nicht für sprachgesteuerte Menschen! Ein Deuten, ein Richtungsweisen wirkt oft Wunder, wo das Wort versagt. Ein gemeinsames Interesse erweckt Verständnis dort, wo man es kaum erwarten würde. Fehlt es, versteht der Hund plötzlich nicht einmal mehr Bahnhof, weil was soll er mit dem anfangen. Es ist wie mit einem levantinischen Verkäufer, der total freundlich und nett einem alles in allen Sprachen andrehen kann, will man sich beschweren, versteht er auch die Sprache seiner Mutter nicht mehr. Da es in unserer Welt einmal Umstände gibt, die der Hund (man vergesse nicht: ähnlich auch das (kleinere) Kind!) nicht interpretieren kann wie z.B. unseren aberwitzig tödlichen Straßenverkehr bedarf es natürlich eines Trainings, das auf Zwang nicht verzichtet – aber doch nicht wegen jedem „Sitz“ den Alphawolf – Macho raushängen!

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  2. Jeder Mensch und jedes Tier ist anders. Und wir gehen respektvoll mit ihnen um, wenn wir mit ihnen so umgehen, wie es ihr Charakter erfordert. Und (fast) immer liebevoll. Deswegen kann es keine pauschalen Ratschläge für Kinder- oder Hundeerziehung geben. Bei den Katzen ist es umgekehrt; sie wissen mit uns umzugehen. Liebe Grüße.

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