Das Voller-Zug-Paradoxon

Lange gab’s nichts Neues über mein „Leben in vollen Zügen“ – weil ich ebenso lange nicht Zug gefahren bin. Umstände haben sich geändert, zu Hause ist jetzt zu Hause, und nicht mehr 500 km entfernt. Das ist schön so, auch wenn es dadurch weniger zu erzählen gibt.
Neue Impressionen kommen bestimmt, irgendwann. Und bis dahin möchte ich noch diese letzte Erkenntnis mit euch teilen: Dass das Leben in vollen Zügen auch sehr viel besser sein kann als in halbvollen.

Freitag Nachmittag. Es ist diese Zeit – die Zeit der dicht gedrängten Rollkoffer irgendwo zwischen drei Sitzgelegenheiten und der geriffelten Markierung vor der Bahnsteigkante, die man, jedem „ich muss unbedingt als Erster die Tür erreichen“-Impuls zum Trotz, niemals, wirklich niemals übertreten darf, bevor der Zug am Bahnsteig zum Stehen kommt.
Mehr oder minder subtile Seitenblicke auf die wartenden Mitreisenden werden verteilt, die Konkurrenz abgecheckt. Wer von ihnen nimmt am Kampf um die wenigen, nicht reservierten Sitzplätze teil? Ist es das moralische Dilemma wert, eine Gruppe älterer Damen auszustechen, nur um am Ende mit einem „Entschuldigung, ich habe diesen Platz reserviert“ wieder vertrieben zu werden?

Ich erreiche den Bahnsteig schlendernden Schrittes, eine wohlig duftende Bäckertüte in meiner Hand, die andere am Träger der Tasche, die über meiner rechten Schulter hängt. Ich reise heute mit leichtem Gepäck – sowohl buchstäblich als auch mental, denn: Ich habe aus meinen Fehlern gelernt. Und reserviert.

Was mir anfangs oft wie herausgeschmissenes Geld erschien, wenn ich wieder einmal auf einem voll besetzten 4er saß, während um mich herum alles frei war – mich gleichzeitig aber weigerte, die 4,90 € umsonst investiert zu haben, indem ich einfach den Platz wechsle -, ist mittlerweile zum ausgefeilten Kalkül geworden. Vor allem, seit ich diese Kugel vor mir hertrage. Nein, keine Bowlingkugel. Auch keine perfekt geformte Mini-Wassermelone, obwohl mich diese auf so mancher Zugreise überglücklich gemacht hätte – also, sofern man mich aufgrund des dafür notwendigen Messers nicht vorher mehr oder weniger höflich entfernt hätte.
Es ist vielmehr diese Art von Kugel, die man nicht mal eben weglegen kann, die Monat für Monat immer größer wird, den Körper an seine Grenzen treibt, irgendwann ein Bündel Glück in die Welt wirft… – und eigentlich Platzreservierung genug sein sollte. Aber wir leben in Deutschland, wo jeder selbst für sein Glück verantwortlich ist und man einen Sitzplatz allerhöchstens von einem der ach so ungeliebten fremdländischen Neubürger angeboten bekommt. Ich schweife ab.

Als der Zug hält, sehe ich mir das übliche Rollkoffer-Massaker um die Türen an und folge der Meute in sicherem Abstand. Der Zug ist voll, was in diesem Fall bedeutet: Jeder Platz ist besetzt (Wer Bahn fährt, weiß: Da geht noch was!). Ich klopfe mir gedanklich auf die Schulter, als ich den einzelnen, freien Sitz ansteuere, über dem verheißungsvoll meine Reservierung prangt. Ich mach den jungen Mann auf mich aufmerksam, schiebe die Tasche ins Gepäckfach und rutsche auf den Fensterplatz, fest entschlossen, diesen für die nächsten zwei Stunden nicht zu verlassen.

Meine Hände krallen sich um die Kopfhörer, unauffälligbeobachte ich die unmittelbare Umgebung. Es ist jener alles entscheidende Moment. Keine antiautoritär erzogenen Kinder, keine antiautoritär erzogenen Kinder!, bete ich stumm. Ein paar Reihen weiter vorn telefoniert irgendein Business-Typ, stimmt ein paar Termine ab, versenkt schließlich das Handy in seiner Tasche und klappt den Laptop auf. Ein älteres Ehepaar diskutiert darüber, wem von beiden welches Brot gehört. Mein Sitznachbar packt ein Mathebuch, Schreibzeug und einen Taschenrechner aus. Der Zug rollt langsam an.

Und das Abteil versinkt in konzentrierter Beinah-Stille.

Ein leises Tippen. Andächtiges Kauen. Hin und wieder das Klackern des Taschenrechners, das Kratzen des Bleistifts auf dem Papier. Darüber hinaus: Kein Mucks.
Kein Dscheremieeeeee!, keine Ü60-Ferienfahrt, kein Plopp-Zisch! geöffneter Bierdosen, keine wummernde Musik aus schlecht isolierten Billig-Kopfhörern. Es ist, als hätte diese Gemeinschaft eingepferchter Reisender, von denen jeder einzelne froh ist, nicht im Gang stehen zu müssen, ein stummes Abkommen geschlossen: Das Eingepferchtsein so erträglich wie möglich zu gestalten. Schließlich stecken wir ja alle im selben schlecht gelüfteten, abgeranzten Boot, von dem man nie weiß, wann und wie es einen ans Ziel bringt.

Einen Moment lang bin ich erstarrt, die Kopfhörer noch immer in der Hand. Packe diese schließlich zurück in den Rucksack. Hasse mich jetzt schon für meine raschelnde Bäckertüte. Und greife nach meinem Buch.
„Ist doch schön. Dann kann ich endlich mal wieder lesen“, sagte ich damals, als mich jemand fragte, warum ich mir diese Zugfahrten antue. Ich bin froh, dass diese naiv geäußerte Erwartung schlussendlich doch noch einmal erfüllt wird.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s