Herbstzeitlose

08.10.2019
Große Tropfen fallen in perfekter Geradlinigkeit der Schwerkraft entgegen. Beinah vermisse ich den Wind der letzten Wochen, der mich hätte sagen lassen können: „Ist sowieso viel zu windig für einen Regenschirm!“ Eine tröstliche Ausrede. Besser als: Keine Hand frei. Oder schlichtweg vergessen.
Ich stehe an der Straße, der Hund sitzt mit hängenden Ohren zu meinen Füßen. Er ist der einzige hier, der noch nasser ist als ich. Meine linke Hand hält die Leine, die andere bemüht sich um eine halbwegs geschlossene Jacke über dem Kind vor meiner Brust. Zumindest einer von uns hat es gemütlich.
Die Autos rollen an uns vorbei, in diesem Stau, der nie wirklich einer ist, aber ausreicht, um diese irrationale „Ich darf bloß keine Lücke lassen, ich könnte ja zehn Sekunden später da vorne ankommen“-Panik der dickbäuchigen SUV-Fahrer zu schüren. Eine Hand am kunstledernen Lenkrad, die andere am neusten iPhone, die Augen an den Rücklichtern des Vordermanns festgeklebt. Wer Fußgänger bei Regen über die Straße lässt, verdient es nicht, eine fette Bonzenkarre zu fahren. Amen.

15.10.2019
„Haben Sie noch Füßlinge?“, fragt die Frau neben mir.
Die Verkäuferin schüttelt den Kopf. „Die sind alle raus. Bei uns ist schon Winter.“ Ihre Hand zeigt auf das Schild über unseren Köpfen. Neue Kollektion.
„Ach“, ruft die Frau. „Schauen sie doch einmal raus!“
In der Fußgängerpassage drängen sich die Menschen, die erbeuteten Einkäufe im Jutebeutel über die Schulter gehängt – Plastiktüten gibt es ja heutzutage nicht mehr -, ein bereits schmelzendes Eis in der Hand. Zwischen den eng beieinander stehenden Häusern mit ihren reflektierenden Schaufenstern fühlt es sich an, als hätte jemand im Kalender einen Monat zurückgeblättert. 23°C im Oktober.
„So war es früher im Sommer!“, würde Oma jetzt sagen.

22.10.2019
Die Luft riecht nach Erde und feuchten Blättern. Der Baum vor unserem Fenster hat beinah schon alle abgeworfen, eine Uhr der Jahreszeiten, die nun nur noch aus knorrigen, von Efeu umwachsenen Ästen besteht. Es ist kühl, hier im Schatten. Aus dem späten Sommer ist goldener Herbst geworden. Ich hatte schon gefürchtet, beides verpasst zu haben.

Dieses Jahr hat irgendwo an der 30-Grad-Marke auf Pause gedrückt und die gleiche Sequenz wieder und wieder und wieder abgespielt, bevor plötzlich ein ganz neuer Film eingeschoben wurde. Seitdem ist alles Vertraute gleichzeitig fremd, auf eine gute Weise. Bunte Bläter knistern sanft unter den Rädern des Kinderwagens. Der Hund liegt zu meinen unseren Füßen, statt auf der Parkbank, wachsam, genau wie ich. Wir haben jetzt eine Aufgabe.
Zeit, schwerer greifbar denn je, ist unser kostbarstes Gut geworden. Wann plötzlich Oktober geworden ist? Und seit wann ist der so kurz?

Ich zucke mit den Schultern, greife nach dem Tee und schaue wieder aus dem Fenster. Der kleine Körper auf mir atmet gleichmäßig. Der Hund rollt sich mit einem leisen Brummen etwas fester ein. Der Baum verliert seine letzten drei Blätter. Irgendwie ist die Aussicht nun sowieso viel besser, denke ich und lächle.

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