72 Stunden

„Man soll ja immer dann aufhören, wenn es am schönsten ist“, sagt sie.
„Blödsinn!“ Ich schnaube abfällig und schüttle den Kopf. „Warum sollte ich mit etwas aufhören wollen, wenn es mir guttut?“
„Naja“, erwidert sie schulterzuckend, „vielleicht ist es nur deswegen so schön, weil es irgendwann endet. Vielleicht würde es sonst irgendwann langweilig werden.“

Als ich später nach Hause fahre, kreisen ihre Worte in meinem Kopf. Ich lehne die Stirn gegen das Fenster und denke darüber nach. Lange. Denn ich brauche lange, um mir all die schönen Momente durch den Kopf gehen zu lassen, die zu dieser Unterhaltung geführt haben. Die mich jedes Mal seufzen lassen und mein Herz zusammenziehen, weil sie enden mussten.

Sind es überhaupt noch Momente, wenn währenddessen dieses tiefe Gefühl der Zufriedenheit, dieses unglaubliche Glück nie so wirklich abreißt? Und wann wäre es überhaupt „am schönsten“ gewesen?

Vielleicht wäre der Moment am schönsten gewesen, als ich 5 Uhr morgens, die Beine schwer von der durchtanzten Nacht, zum Geräusch eines Herzschlags immer wieder einschlief, immer wieder hochschreckte, nur um beruhigt festzustellen: Wir sind noch hier. Wir sind immer noch hier.
Ich hätte niemals aufwachen wollen.

Vielleicht war es am schönsten, als wir uns Stunde um Stunde zwischen leeren Bierflaschen und vollen Whiskey-Gläsern durch Songbooks spielten, meine Stimme schon am Anfang heiser, und neben seiner eher kläglich. Völlig egal.
Noch im Zug saß ich am Laptop, um herauszufiltern, was halbwegs brauchbar war – und alles andere auch, um es danach stundenlang in den Ohren zu haben, den Blicken meiner Sitznachbarn zum Trotz, die von meinen Billigkopfhörern gestraft wurden. Völlig egal.
Ich konnte nicht aufhören zuzuhören.

Oder waren es die Stunden voller Meeresrauschen, weißen Sand zwischen den Zehen und blauen Himmel über unseren Köpfen? Die Gitarre hatte die Farbe des Sandes und nur die Möwen kreischten zwischen unsere halbherzig gezupften Töne. Vielleicht ein Alibi, um hier sein zu dürfen. Immer wieder, und irgendwann mit fünf Kilo Speck und Fell und kleinen, schwarzen Bärentatzen an unserer Seite.
Einmal zu viel war nie genug. Ich hätte ewig dort sitzen können.

Immer wieder haben wir nur 72 Stunden miteinander verbracht, aber all die 72 Stunden fühlten sich wie Jahre an, gefüllt mit Momenten, reich an Glück.
Ich bin froh, dass wir nicht aufgehört haben, als es am schönsten war. Womöglich nach den ersten 72 Stunden. Oder den zweiten. Mittlerweile beschränken wir unsere Stunden längst nicht mehr.

Wer weiß schon, wann etwas am schönsten ist? Vielleicht war es an jenem sonnigen Samstag, Sandsteinpflaster unter den Füßen und Vorfreude in unseren Herzen. Vielleicht war es, als die roségoldenen Ringe unsere Finger fanden, als wollten sie sagen: „Lasst euch Zeit bei dieser Suche.“
Und: „Hört danach nicht auf.“