Laute Stille, helllichte Nacht

Sonntag Abend. Dezember. Die Straßen sind menschenleer. Hier und da huscht ein Scheinwerferpaar den Berg hinauf, beinah verstohlen, man hat ja wirklich besseres zu tun. Tee trinken, Plätzchen essen, unterm Weihnachtsbaum sitzen.
Ich atme die milde, nassschwere Luft. Erst vor einer halben Stunde hat es zu regnen auf gehört, von Schnee keine Spur. Der Gehweg ist feucht, die Pfoten des Hundes erzeugen ein leises Tapptapptapp.

Um uns herum: Stille.

In den Fenstern blinkt und leuchtet es. Schwippbögen konkurrieren mit amerikanischer Weihnachtsbeleuchtung. Bunte Lichterketten waren noch nie mein Geschmack. Doch vertreiben sie alle, was im November so schwer wog: Dunkle Stunden, nun erfüllt mit einem Leuchten, ein Versprechen auf dem Weg zum kürzesten Tag des Jahres. Bald geht es wieder bergauf – so sagt man doch.

Wie ich da so stehe in der weihnachtlich schillernden Dunkelheit, eine Tüte mit den Hinterlassenschaften meines Hundes in der einen, die Schlüssel zu meiner Wohnung in der anderen Hand, und von helleren Tagen träume, halte ich inne. Mein Blick schweift erneut über die dekorierten Fenster der Altstadtfassade. In der Ferne erklingt leise das Klingeln des Karussels, das auf dem Weihnachtsmarkt seine Runden dreht und kunterbunt mit frohen Kinderaugen um die Wette strahlt.

Ein Gedanke dringt in mein Bewusstsein. Ohrenbetäubend.

Welch Luxus ist es doch, solch eine Weihnachtszeit zu haben. Zwischen all den Schlagzeilen über unterdrückte Minderheiten, terroristische Anschläge, Hass, Gewalt, Armut, Flucht und Hunger. Die Liste ist so lang. Reden können wir darüber gut. Teilen fällt uns schon schwerer. Dabei haben wir hier so viel! Dabei hätten wir auch dann, wenn all unsere SUVs und Black-Friday-Sales und Primark-Tüten verschwunden wären, noch so viel mehr als manch anderer auf dieser Welt: Frieden. Mehr als zwei Generationen Frieden. Nicht nur in Liedern.

Ich kehre den Lichtern den Rücken, mache mich auf den Heimweg, mit beinah demütig gesenktem Kopf. Die Schlüssel klimpern zwischen meinen Fingern. Ich steige die steinernen Stufen des Hauses hinauf in den zweiten Stock. Die Wohnungstür fällt hinter mir ins Schloss, Leine und Halsband landen an ihrem Haken, gleich neben unseren Jacken. Groß, groß, winzig, Hund. Wir sind jetzt zu viert.

Im Wohnzimmer leuchtet schon der Weihnachtsbaum. Das Baby strampelt fröhlich vor sich hin. Der Hund schleicht auf seine Decke, rollte sich zusammen, ein wohliges Brummen kündigt das Ende des Tages an. Der Mann steht in der Küche, hantiert mit dem Wasserkocher, stellt schließlich zwei dampfende Tassen auf den Tisch. Ich inhaliere diesen Moment, verankere ihn zwischen all der Antriebslosigkeit der vergangenen Wochen, verdränge die Sorgen und mache mir bewusst:

Wie kostbar sie doch ist – unsere friedliche Weihnachtszeit.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s