Früher war mehr Winter

„Sieh dir das an!“ Sie hält mir ihr Smartphone mit geöffneter Wetter-App vor die Nase. „Acht Grad! Im Januar!“
Ich mustere die wenig abwechslungsreiche Wochenübersicht, die uns ganz vielversprechende graue Wölkchen, gewürzt mit der einen oder anderen Regenwahrscheinlichkeit von 80 % prophezeit.
Ein Glück, denke ich. Mit Sonne wäre die Aufregung noch viel größer. Ich sehe schon die Schlagzeilen vor mir, „Frühlingsgefühle!“, schreien sie, halb begeistert, halb empört. Die Platte hat ’nen Sprung.

„Es wär schon gut, wenn wir mal wieder einen richtigen Winter hätten“, setzt sie ihre alljährlich wiederkehrende Rede fort, „schon allein wegen des Ungeziefers!“
„Mhh-mhh“, mache ich. Zumindest in diesem Punkt stimme ich ihr als fürsorglicher Hundehalter zu.
„Naja.“ Sie legt seufzend das Smartphone weg. „Mir tuts vor allem wegen der Kinder leid. Die können nicht mal rodeln gehen!“
Ich zucke mit den Schultern, hole Luft für mein übliches „Tja… kann man nichts machen“ – und atme stumm wieder aus.
Die Worte, die mir in den letzten Jahren während dieses Gesprächs nur allzu leicht über die Lippen kamen, fühlen sich plötzlich zäh an.

Da kann man nichts machen?

Man kann ja gegen so vieles nichts machen. Zum Beispiel gegen den enormen Fleischkonsum, denn „der Mensch braucht nunmal Fleisch“ und „man bekommt ja sonst Mangelerscheinungen“. Und einer allein macht sowieso keinen Unterschied, wenn dann müssen alle Vegetarier werden, also braucht man damit gar nicht erst anzufangen.

Überhaupt liegt es doch in der Verantwortung der Regierung, dass sich da mal was tut – oder nicht? So lange die kein Tempolimit bringen, hat man mit mindestens 150 km/h über die Autobahn zu donnern, sonst wird man rechts überholt. Bevor die Kohlekraftwerke nicht abgeschaltet werden, ist es auch völlig legitim, einen SUV zu fahren. Aber warum sollte man die überhaupt abschalten, solange China, die USA und alle anderen weiter ihr CO2 in die Atmosphäre pusten?

Wenn, dann müssen es alle machen.

Stimmt. Aber wer fängt an?

„Früher waren es im Sommer gerade mal fünfundzwanzig Grad!“, schwärmt meine Oma jeden Sommer aufs Neue, und: „Im Winter sind wir in der Obstplantage Ski gefahren.“
Ich auch, erinnere ich mich. Und gerodelt bin ich, als Kind.

Heute habe ich selbst ein Kind, bin Vegetarier geworden und achte darauf, möglichst keine Lebensmittel mehr wegzuwerfen. Es macht vermutlich keinen großen Unterschied. Aber manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn das alle tun würden.

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