Systemfehler, oder: Schrödingers 5. Wagon

Sonntagnachmittag, irgendwo in der deutschen Prärie. Vor dem Zugfenster ziehen abwechselnd brachliegende Felder und halbherzig aufgeforstete Monokulturen dahin. Hier und da eine Kuh. Der Himmel über der winterlichen Idylle versinkt in allmählich dunkler werdendem Grau. Kurz darauf klopfen die ersten Tropfen gegen die Zugfenster, mischen sich unter das kontinuierliche Rattattatt der Gleise, hin und wieder unterbrochen durch ein Bum-bum, wenn wir über eine Weiche poltern.

Ich sehe auf mein Handy. Die App verspricht den nächsten Umstieg in etwa einer halben Stunde. Danach noch zwanzig Minuten S-Bahn, fünfzehn Minuten laufen, Tür aufschließen, Schuhe in die Ecke werfen, kurz frisch machen, ins Bett fallen. Endlich.

Aber ihr wisst ja:

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Bildquelle (Zugriff: 01.03.2020, bearbeitet)

Kaum habe ich meiner Zuversicht Ausdruck verliehen und mein letztes Sandwich verspeist, verliert der Zug an Tempo. Die Konturen draußen werden, sofern das unter dem mittlerweile recht starken Regen möglich ist, deutlicher. Eine Kuh beäugt neugierig das vorbeiziehende Gefährt, ich kann sehen, dass sie dabei genüsslich kaut. Dann kommen wir ruckelnd zum Stehen.

Im Abteil ist es still. Erst nach und nach wird ein Murmeln laut. Der Mann auf der anderen Seite des Ganges, Anzug und Aktentasche – warum auch immer am Sonntag -, legt seine Zeitung beiseite und sieht stirnrunzelnd auf die Uhr.
Ein paar Reihen weiter vorn fragt ein kleiner Junge: „Mamaaaa, warum bleiben wir stehen?“ Während seine Mutter sich um eine Erklärung bemüht, machen sich die anderen Fahrgäste auf das Schlimmste gefasst, aber die Antwort scheint ihn zufriedenzustellen. Er widmet sich wieder seinem Womit-auch-immer-er-gerade-beschäftigt-war.

Nach etwa fünfzehn Minuten, die sich wie eine Stunde anfühlen, dringt ein Knacken und Rauschen aus den Lautsprechern. Das gesamte Abteil hält hoffnungsvoll den Atem an. Kurz darauf erklingt eine Stimme: „Sehr geehrte… ähh… Damen und Herren, entschuldigen Sie die Verzögerung, es gibt eine kleine technische Störung. Offenbar ist unser System der Meinung, dass wir unterwegs einen Wagon verloren haben. Nunja… kein Grund zur Sorge, ich habe aus dem Fenster geschaut: Er ist da. Aber solange das System der Meinung ist, wir wären unvollständig, können wir leider nicht weiterfahren.“

Mir entfährt ein unwillkürliches Glucksen, der Anzugmann gegenüber verdreht die Augen und irgendwo weiter hinten ertönt ein: „Oooooorr neee!“
Der Lautsprecher rauscht erneut.
„Wir werden versuchen, das System neu zu starten und hoffen, dass das den Fehler behebt. Das wird einen Moment dauern, wir melden uns dann wieder und… ähh… haben Sie bitte Geduld.“
Der Zugführer muss seine Karriere bei Windows begonnen haben, sonst wüsste er wohl kaum um derart ausgeklügelte Methoden der Fehlerbehebung. Ich bin also zuversichtlich.

Eine Stunde und zwei Systemneustarts später, die Frau mit dem Servierwagen kommt bereits zum zweiten Mal vorbei, ohne meinen knurrenden Magen von den billigen Snacks zu ganz und gar nicht billigen Preisen überzeugen zu können, wird selbst der kleine Junge allmählich ungeduldig.
„Mamaaa, wann fahren wir weiter?“
Ja, Mama, wann? Auch ich lechze nach einer Antwort, die meine wachsende Sehnsucht nach einer Dusche und meinem kuscheligen Bett noch ein wenig länger zurückzuhalten vermag.
„Ich weiß auch nicht, mein Schatz“, erklärt die junge Mutter seelenruhig. „Aber sieh mal, das ist doch schön: Heute können wir viel länger Zug fahren!“
Recht hat sie, denke ich. Und das auch noch völlig gratis, sofern man auf überteuerte Salzbrezeln verzichten kann.

Irgendwann lässt sich das System wohl davon überzeugen, dass der Wagen sehr wohl da ist, obwohl er scheinbar nicht da ist – wie, das erfahren wir leider nicht. In andächtiger Stille verfolgen die Insassen meines Abteils, wie unser störrisches Gefährt sich langsam aber sicher wieder in Bewegung setzt.
Ich verpasse meine S-Bahn und erreiche die Wohnung zwei Stunden später als erhofft. Statt frustriert zu sein, lege ich das Erlebnis zu den Akten unerfreulicher und zugleich amüsanter Episoden, denn: Heute bin ich viel länger Zug gefahren, als ich es mit meinem Ticket zum Supersparpreis sonst gedurft hätte. Und wer kann schon von sich behaupten, mit einem Zug gefahren zu sein, der alle Wagons hatte – und dem trotzdem einer fehlte.

Ich lerne also daraus: Man sollte viel öfter die Dinge aus der Perspektive eines Kindes betrachten – das Leben erhält dadurch eine ganz andere Note.