Glück

Die Sonne steht noch hoch am Himmel, an diesem Sonntag, dort oben an der Schluchtkante. Hier unten, zwischen Fels und Fluss, halte ich das Gesicht in ihre Richtung, wann immer die warmen Strahlen durch die Wipfel der toten Bäume blitzen. Der Sommer hat gewütet, doch nun ist es friedlich in diesem kleinen Tal, wo das Plätschern des Wassers mit dem Rauschen des Windes konkurriert, durchmischt mit dem munteren Geplapper all der Sonntagsspaziergänger, kinderwagenschiebend oder bierflaschenhaltend. Niemand bleibt drinnen, wenn er bald vielleicht drinnenbleiben muss. Gemeinsam verkünden wir das Ende eines Winters, der nie so richtig da war, und ebensowenig gehen will. Noch nicht ganz.

Es ist kühl, wenn man um die nächste Kurve biegt und in den Schatten der Felswände eintaucht. Der letzte Anstieg, über Wurzeln und schlammbedeckte Steine, Stufe um Stufe bringt uns stetig der lang ersehnten Wärme entgegen.
Schneelos, grau – unbarmherzig hatte der Winter meine Seele im Griff. Jeder Meter, den wir an Höhe gewinnen, ist ein Triumph gegen die langen Abende, die einsamen Tage, eingesperrt. Regen und Dunkelheit waren meine Wächter. Jeder zartblaue Fleck am Himmel, jedes zaghafte Zwitschern in den Bäumen vor dem Balkon war ein Versprechen.

Der Hund reckt die Nase in den Wind, inhaliert den Duft von feuchter Erde und in der Sonne knackenden Kiefernnadeln. Ich tue es ihm gleich, die linke Hand fest in deiner rechten, den Geruch des Babys einatmend, und schließe die Augen. Das hier ist Glück.

Heute Abend wird das Fell des Hundes nach Wald riechen. Hinter den Ohren, wo es besonders zart ist.

Morgen spazieren wir wieder durch die Straße mit dem weißblühenden Baum. Wenn es geregnet hat, ist der Duft beinah greifbar.

Übermorgen soll die Sonne scheinen. Unser Balkon liegt morgens im Schatten, die Luft wird kühl und feucht sein, und erfüllt vom Gesang der Amseln. Das Eichhörnchen hopst durch die Efeuranken an der alten Eiche. Das Kind lacht, wenn ich das Fenster schließe. Mama sieht lustig aus, wie sie dort mit dem schweren Vorhang kämpft.

Selbst wenn wir sonntags nicht den Geruch von Sandstein und Kiefernnadeln einatmen können: Glück ist überall. Man muss nur genau hinsehen. Lauschen. Riechen. Spüren. Nicht nur in Zeiten wie diesen. Probiert es einmal aus.

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