Am anderen Ende der Leine

Freitag Mittag im Drogeriemarkt. Ich schlängle, sorgfältig die bereits angesammelte Ladung ausbalancierend, den Kinderwagen durch die Gänge in Richtung Kasse 2. Routiniert packe ich meine Einkäufe auf das Band. Windeln, Wattebällchen, zwei Gläschen Obstmus – eigentlich alles Dinge, die man auf Vorrat kaufen könnte, aber so kommt man immerhin mal aus dem Haus.
Ich beobachte, wie die Kassiererin sich das obligatorische „Ich kann schneller Waren scannen als irgendwer einpacken kann“-Rennen mit der Dame vor mir liefert, verliere mich in dem fast schon meditativen Biep, das jedes Mal ertönt, wenn ein Artikel das rote Lämpchen unter der Glasplatte passiert.

„Na hallo!“, erklingt plötzlich hinter mir eine freundliche, ältere Stimme.
Ich drehe mich um, etwas verwirrt, will reflexartig den Gruß erwidern – doch, oh! Ich war ja gar nicht gemeint.
Eine gelockenwickelte Kurzhaarfrisur mit leichtem Lilastich beugt sich über den Kinderwagen.
„Na hallo!“, tönt es noch einmal. „Na hallo!“
Ich ziehe eine Augenbraue hoch, warte einen Moment ab – womöglich entwickelt das Baby innerhalb der nächsten zehn Sekunden unverhoffte sprachliche Talente -, dann räuspere ich mich so beiläufig wie möglich.
Die Dame richtet sich auf.
„So eine Süße!“
Ich will mit einem Lächeln antworten, doch erneut verschwendet mein Gegenüber keine Zeit damit, unnötigerweise mit mir zu kommunizieren.
„So eine Süße bist du!“
Das Baby, das während der letzten fünf Minuten völlig unbeeindruckt Löcher in die Luft gestarrt hat, blinzelt und grinst mich an. Die gute Frau, nun als Gesprächspartnerin ebenso missachtet wie ich, wendet sich mir zu, ich lächle, dann beginnt die Kassiererin, meine Einkäufe über den Scanner zu ziehen.

Draußen wartet schon der Hund auf mich, stoisch ein Pärchen ignorierend, das in einem ganz ähnlichen Tonfall auf sie einredet wie soeben die Dame hinter mir.
„So eine Hübsche!“
„Und so tolle Augen!“
Lockgeräusche werden gemacht.
Der Hund begrüßt mich schwanzwedelnd, ohne die beiden eines Blickes zu würdigen. Fast denke ich, er möchte mir sagen: „Mensch, endlich bist du da! Du weißt gar nicht, was ich hier ertragen musste!“
Ich habe ihm übrigens nie beigebracht, derartige „Anmachen“ zu ignorieren, er tut es einfach. Würde ich ja auch – und man sagt doch, Hunde spiegeln stets ihre Halter.

Auf dem Heimweg muss ich nichtsdestotrotz über die Parallelen schmunzeln. Sowohl Leine als auch Kinderwagen scheinen ein unbändiges Mitteilungsbedürfnis in manchen Menschen auszulösen, die leider nur selten in einem tatsächlichen Gespräch mit mir, also dem Anhang, der die Hundeleine und/oder den Griff des Kinderwagens in den Händen hält. Dabei ist doch das Potenzial durchaus da.

Neulich zum Beispiel, während das Tier gerade die Narzissen im Park düngte, hörte ich wieder einmal das wohlbekannte: „So tolle Augen!“
Mir wollte schon ein sarkastisches „Danke“ entschlüpfen, doch als ich mich herumdrehte, blickten mich zwei strahlende, von fröhlichen Fältchen umringte Augen an.
„Ich habe nämlich eine Katze“, erklärte die alte Frau lächelnd. Und ihre Katze säße immer neben ihr auf dem Sofa.
Ich lächlte zurück und wir schwelgten kurz in dem Glück, das wohl nur Haustierhalter verstehen.
Neugierig geworden ob der positiven Stimmung trottete der Hund zu uns herüber, schnupperte an der Hose meines Gegenübers, hob interessiert den Kopf.
„Ohh“, sagte die Frau und kraulte das Tier unter dem Kinn. „Ohh, so eine Gute!“
Der Hund schloss die Augen, als wollte er sagen: „Ich weiß.“ und: „Endlich merkt das mal jemand!“
Es ist nämlich so: Auch Hunde entscheiden gern selbst, mit wem sie kommunizieren wollen. Und um das einzuschätzen, werfen sie gern mal einen Blick ans andere Ende der Leine.

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