Still.Stand

Der Kaffee ist kalt geworden. Die bunte Keramiktasse steht auf meinem Nachttisch, nicht mehr dampfend, der Inhalt irgendwie schal, längst vergessen. Bedruckte Seiten rascheln zwischen meinen Fingern, gewürzt mit Amselgezwitscher. Der Hund auf dem Balkon reckt die Nase in die Luft, inhaliert die feucht-frischen Düfte, die die Nacht hinterlassen hat. Und rundherum: Stille. Friedlich.

„Kannst du den Osterspaziergang noch auswendig?“
Wir laufen, Seite an Seite, ich die Hände am Kinderwagen, er die knallrote Leine zwischen den Fingern. Die Sonne steht hoch, brennt auf uns herab, zweiundzwanzig Grad im April. Vereinzelte Autos fahren vorbei, ein kurzes Brummen statt ständigem Grundrauschen.
„Konnte ich nie“, sage ich, ignoriere den ungläubigen Blick. Kenne aber den Inhalt. Kommt es nicht ohnehin mehr auf die Bedeutung der Worte an, als auf die Worte selbst?
Er beginnt zu rezitieren, bleibt schließlich hängen, zückt das Smartphone, vollendet das Begonnene.
„Trägt einen gewissen Hohn in sich. Dieses Jahr.“
Ein Pärchen kommt uns entgegen, schweigend, gesenkten Blickes, als dürfe man sich nicht mehr ansehen – oder hat man nur endlich einen Grund?

Die Menschlichkeit wiederfinden wollen wir, in diesen Zeiten des Stillstands, Nähe in der Ferne. Oder sind wir froh, dass wir das eigentlich gerade nicht müssen?
Zwischen scheinbarer Nächstenliebe, nicht über die letzte noch verfügbare Nudelsorte hinaus, im Wettlauf um die einzige Packung Klopapier, atmen wir da insgeheim auf?
Es gibt viel Schönes in diesen Tagen. Der Einkauf für die alte Nachbarin. Selbstgenähte Atemschutzmasken. Ein täglicher Anruf bei der Großmutter. Neues Leben in unwirklichen Zeiten.
Es gibt viel Schlechtes in diesen Tagen. Die Entscheidung darüber, wer leben darf und wer nicht. Abgeriegelte Grenzen. All die wartenden Menschen außerhalb unseres Kokons, die nun sich selbst überlassen sind. Vieles ist scheinbar unwichtig geworden und dabei wichtiger denn je.

Es tut gut, still zu sein, bei sich selbst sein zu können, eine Zeit lang. Luftholen. Danach gibt es viel zu sagen, und das muss laut sein, damit es alle hören, die dann wieder durcheinanderreden.

Die Welt bleibt nicht stehen, sie tut nur so.

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