Kapitel 1.1

Der Morgen war sonnig und klar. Hektor reckte die Nase in den Himmel und witterte den nahenden Sommertag, während die ersten Sonnenstrahlen das Rot seines Fells aufleuchten ließen. Er mochte den Geruch des Sommers. Er mochte den Duft der knackenden Kiefernzapfen, der vom lauen Wind durch die Schluchten getragen wurde. Er mochte es, wie die Vögel zwitscherten, wenn es überall Grün im Überfluss gab und der Wald, sein Wald das Leben selbst war.
Der Wald hatte Hektor das Fuchsfell geschenkt und ihm ein Zuhause gegeben. Nur schemenhaft erinnerte er sich an das Leben außerhalb des schützenden Grüns. Er war auf zwei Beinen gelaufen zu jener Zeit und seine Haut war blass und verwundbar, seine Zähne waren stumpf und seine Sinne taub gewesen. Wer hatte er sein wollen? Ein Handwerker? Ein Soldat? War er arm oder reich gewesen? Welche Wendung seines Lebens hatte ihn hierher gebracht?

Die Eule landete beinahe lautlos in der alten Kiefer. Er spürte sie mehr, als dass er sie hören konnte, obwohl seine spitzen Ohren jedes noch so kleine Knacken und Rascheln einzuordnen vermochten. Über die Jahre hatte er gelernt, seinem Instinkt zu vertrauen.
»Was sitzt du hier herum?«, fragte Astéria.
Hektor schnaubte. Die Eule pflegte ihre Neugierde stets hinter scheinbar teilnahmsloser Schroffheit zu verstecken. Es war ein Spiel zwischen ihnen, dass er ihre wahren Fragen zu erraten versuchte, und sie seine Antworten.
»Falls es dir nicht aufgefallen ist, liebe Freundin«, entgegnete er betont unbekümmert, »es ist ein wunderschöner Morgen. Ich genieße ihn – das solltest du auch.«
»Papperlapapp!« Astéria klapperte mit dem Schnabel und plusterte die Federn auf. »Du stellst dir wieder all deine Fragen, das tust du! Grübelst vor dich hin, den lieben langen Tag, ohne Rücksicht auf jene, die des Nachts ihren Pflichten nachgehen und auf Ablösung warten.«
Ein Seufzen ließ Hektors Schnurrhaare erzittern.
»Würdest du nicht manchmal gern wissen, wo du herkommst? Warum du hier bist?«
»Ich weiß, warum ich hier bin«, entgegnete die Eule. »Wir haben hier eine Aufgabe. Vergiss das nicht, Fuchs! Wir…«
»…sind die Wächter des Waldes, ja ja.« Hektor verdrehte die Augen. Sie betete die Worte herunter wie einen jahrelang geübten Text, doch er wusste, sie glaubte daran. Oder wollte daran glauben.

Eine Weile hockten sie nebeneinander und ließen den Blick über die reglosen Baumwipfel schweifen. Kiefern, Fichten, Buchen standen Seite an Seite und wachten über jene, die schon bald zu ihren Füßen aus ihren Löchern kriechen würden, die Nasen witternd in den Wind gereckt ihre Glieder streckend, bereit für einen neuen Tag. Noch hatten die Sonnenstrahlen das Tal nicht erreicht, sie zeichneten jedoch eine stetig wandernde Linie zwischen Schatten und Licht an die Hänge unter dem ungleichen Wächterpaar.
Es war so still, dachte Hektor, so friedlich. Worüber wachten sie hier? All die Tage, all die Nächte und all die Stunden dazwischen, in denen sie Seite an Seite auf ihrem Posten verharrten, spähten, lauschten, warteten. Worauf?
Er hatte Ajax mehr als einmal gefragt, ihn bedrängt, aber der alte Schwerenöter hatte ihn nur angesehen, nein, in ihn hinein gesehen und die Stirn gerunzelt.
»Hektor«, hatte er gebrummt, »Hektor, mein Junge, immer rastlos, stets auf der Suche. Es sind die falschen Fragen, die du da stellst. Die Antworten werden dich nicht glücklicher machen.«

Vielleicht hatte er Recht, vielleicht war dieses Refugium im Schutz des Waldes ein Glück, eine Zuflucht, die er nicht leichtfertig aufs Spiel setzen sollte. Doch wie sollte er das wissen, wenn er sich nicht daran erinnerte, was außerhalb der grünen Mauern lag?
»Spielt keine Rolle«, meckerte Astéria, als hätte sie seine Gedanken gelesen – oder hatte er sie laut ausgesprochen? »Du bist jetzt hier, und nicht dort. Nur das ist wichtig. Und jetzt komm!«
Mit diesen Worten breitete sie ihre Schwingen aus und erhob sich kreischend in die Lüfte. Einen kurzen Moment lang verdeckte ihr Körper die Morgensonne, dann rauschte sie über den Baumwipfeln davon.
Hektor blickte ihr nach, bevor er sich streckte und seine steifen Glieder schüttelte. Ein letzter Blick in die Ferne, dann sprang der Fuchs von seinem Felsen und verschwand im Schatten der Bäume. Der Morgen war sonnig und klar, und er hatte eine Aufgabe.


„Ich würde ja gern einmal wissen, was dabei herauskommt, wenn du eine Geschichte einfach herunterschreibst“, sagte der Mann neulich zu mir, als ich wieder einmal jammerte, weil ich mein aktuelles Romanprojekt zwar bis ins kleinste Detail zerdenke, aber viel zu selten Worte aufs Papier bringe. Und er meinte: Ohne Plot, ohne Planung, einfach drauf los.
Nun, echte Schreiberlinge wissen: Ganz ohne ein „Worüber“ läuft das nicht. Irgendwo muss man anfangen, irgendwo muss man enden. Aber was, wenn man den Weg dahin ohne Karte geht? Was, wenn man sich einfach treiben lässt, hier und dort abbiegt, stehen bleibt, im Kreis läuft?
Ich lasse euch nun also teilhaben an diesem Experiment, das auf einer schon lange bestehenden Idee basiert, der aber bisher die Geschichte fehlte. Ich nenne sie „Die Chroniken der Vergessenen“ – lasst uns, ganz ohne ein Versprechen über die Länge und Häufigkeit neuer Kapitel und ohne meinen sonstigen Texten im Weg zu stehen, einfach mal sehen, wo uns das hinführt.

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