Kapitel 1.2

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Der Kiefernnadelteppich war noch kühl. Kleine Wölkchen wirbelten dort auf, wo Hektors Pfoten auf den nackten Sandboden trommelten, aber die meisten seiner Schritte wurden von der dicken Schicht verschluckt, die sich über die Jahre gebildet hatte. Ein Mantel aus Alterung und Trockenheit. Die Sommer waren heiß geworden und die Winter versteckten sich hinter lauen Winden und wolkenverhangenen Tagen. Die Welt war im Wandel, selbst die Waldbewohner konnten das nicht mehr leugnen.

Natürlich war Astéria ihm weit voraus. Sie hätte warten können, hier und da in der Krone einer einzelnen Buche hocken, um ihr Federkleid in die wärmende Sonne zu halten. Aber sie liebte es, ihn spüren zu lassen, dass sie ihm überlegen war, dass sie die Macht hatte, über allem zu schweben und dank ihrer Sinne dennoch genauso viel wahrzunehmen wie er. Beinah. Es war das Licht, das sie schwächte. Während sie des Nachts jedes Huschen in den Tiefen des Waldes erkannte, war sie zu dieser Stunde, wenn die Sonne den Horizont längst hinter sich gelassen hatte, nicht viel mehr als das, was das Auge erblicken konnte: Ein Vogel, der oben am Himmel kreiste.
Auch Hektor zog es vor, sich im Zwielicht zu bewegen. Wenn Tag und Nacht sich die Hand reichten, es nicht mehr ganz hell war, aber auch noch nicht ganz dunkel, aus dem Orange ein zartes Blau wurde, die Kinder des Waldes in ihre Nester krochen, dann erschufen Hektors Sinne eine Dimension, die er um keinen Preis der Welt wieder hergeben wollte. Was auch immer das Menschsein ausgemacht hatte, diesen Teil seiner neuen Identität liebte er mehr als alles andere. Er gab ihm ein Gefühl der Kontrolle, während alles andere unkontrollierbar war.

Irgendwo in der Ferne hörte er das Kreischen eines Eichelhähers. Offenbar hatten Pantea und Zephyr ihre Wache angetreten.
Wieder einmal zu spät, dachte Hektor spöttisch, als ob er es sich andernfalls hätte entgehen lassen, dieser Spur nachzugehen. Ajax hatte sich besonders geheimniskrämerisch gegeben, als er sie zur Großen Eiche bestellt hatte, eine Stunde nach Sonnenaufgang, wenn die Nachtaktiven unter ihnen längst ihre Ruheplätze aufgesucht haben sollten. Er kannte sie beide gut. Weder Astéria noch Hektor überließen die wichtigen Aufgaben gern dem tageslichtliebenden Pack, das kaum in der Lage war, eine Maus von einem Kaninchen zu unterscheiden, wie Astéria gern zu schimpfen pflegte.

Sie wartete in der Krone des alten Baumes, die Augen geschlossen, doch er war sich sicher, dass sie ihn hatte kommen hören. Astéria öffnete eins der Lider, als Hektor sich unter sie setzte, und schielte auf ihn herab.
»Auch schon da«, bemerkte sie spöttisch. Ihre Stimme klang gedehnt, Hektor hörte heraus, dass sie gegen die Schwere in ihren Gliedern kämpfen musste. Es war noch weniger ihre Tageszeit als seine.
»Ist er schon hier?« Hektor sah sich um, ihre Stichelei ignorierend. Astéria öffnete den Schnabel, um eine meckernde Antwort zu geben, als sie beide ein Huschen vernahmen.
»Gerade du solltest wissen, dass ich immer bei euch bin.« Kleine Krallen gruben sich in die knorrige Rinde der Eiche und erzeugten ein trippelndes Kratzen. Erst durch die Bewegung nahm Hektor ihn wahr, gut getarnt durch das schwarzbraune Fell, doch der buschige Schwanz verriet ihn. Ajax hopste die letzten Meter zu Boden, klopfte sich den Schmutz von den Pfoten und blickte erst zu Hektor, dann zu Astéria hinauf.
»Gut, gut.« Er nickte zufrieden und deutete in den Wald hinein. »Kommt, ich will euch etwas zeigen.«
»Was ist mit Pantea und Zephyr?«, fragte Astéria. »Es ist ihre Wache.«
Ajax nickte, seine kleinen, braunen Augen wanderten nachdenklich über Hektor.
»Nun«, sagte er, »die beiden haben ihre Aufgaben und ihr eure. Kommt.« Er wiederholte seine Aufforderung und huschte davon.

Hektor seufzte, dann setzte er ihm nach. Schon nach ein paar Schritten holte Astéria ihn ein. Ihre Schwingen verdeckten die Sonne und warfen einen Schatten über ihn wie einen Schild.
»Wo will er hin?«, zischte sie. »Hektor…« Ihre Stimme hatte einen mahnenden Unterton. »Da hinten ist Wolfsland!«
Hektor wusste das, und er war sich vollkommen im Klaren darüber, dass Ajax das ebenfalls wusste. Wenn er sie an die Grenze zum Wolfsland brachte, musste es einen Grund geben. Einen wichtigen Grund. Er war nicht hier, um das in Frage zu stellen.
»Wir haben keine Wahl, oder?«, knurrte er über die Schulter, bevor er seine Schritte beschleunigte. Ajax war schnell, viel schneller als es ein so winziges Tierchen normalerweise sein sollte. Andererseits: Hektor hatte einst seine Beine gegen Fuchspfoten getauscht. Was bedeutete es also noch, »normal« zu sein?

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