Schwarzweiß-dunkelbunt

Der Wind ist kälter geworden. Ich ziehe den Kragen meiner Jacke ein Stück nach oben, rücke etwas nach links, mehr in die Sonne. Ihre Strahlen dringen nur noch hier und da durch das sanft flüsternde Dach über mir, nun da die Kronen der Buchen wieder dichter werden. Man fragt sich, wo sie es hernehmen, das dichte, sattgrüne Blattwerk, bei all der Trockenheit.

Das Kind ist irgendwann eingeschlafen und der Hund hat es sich neben mir auf dem sandigen Boden gemütlich gemacht. In meinen klammen Händen halte ich Bleistift und Notizbuch, lieber ein ganz kleines bisschen schreiben als überhaupt nicht. Ich bin geflohen aus der Enge unserer hundert Quadratmeter, „andere haben es ja viel schlechter“, aber andere sind nicht ich, und deren Leid heilt nicht automatisch mein eigenes.

Whataboutism nennt man das heute. Aber fehlende Empathie ist deutlich älter als unsere durch Angliszismen geprägte neudeutsche Sprache.
„Früher“, sagen die Leute gern, „früher hatten wir es viel schlechter“, und ich glaube ihnen. Ich glaube ihnen, dass wir viel mehr Optionen haben, dass uns viel mehr Türen offen stehen, die ganze Welt, wenn wir wollen – nur nicht im Moment.

Die Frage ist nur: Macht das reine Vorhandensein von Optionen uns glücklich? Oder die Tatsache, dass diese Möglichkeiten irgendjemdandem in der Vergangenheit verwehrt blieben?
Leuchten die Farben um mich herum heller, weil es mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit irgendwen auf dieser Welt gibt, dem diese Schönheit nicht vergönnt ist?
Gründet sich Dankbarkeit zwangsläufig auf dem Elend anderer – und macht es uns zu schlechten Menschen, wenn wir, weil es jemandem irgendwo schlechter geht, nicht permanent strahlend und glückstrunken durch die Gegend taumeln?

„Du warst mal so positiv!“ Die Worte verfolgten mich wochenlang. Eigentlich immer noch. Sie stimmen. Und ich behaupte: Ich bin es immer noch.
Aber der Kokon dieser früheren Tage, grell leuchtend und innerlich frei, hat Risse bekommen, ist aufgebrochen. Was übrig bleibt, ist die Realität, gepaart mit einer großen Portion Weltschmerz. Fühlt sich so Erwachsenwerden an? Hört man auf, Kind zu sein, wenn man selbst eins hat, und fortan den Spagat schaffen muss zwischen „Das Leben ist schön“ und „Die Welt da draußen ist furchtbar“?

„Komm“, sage ich und kraule den Hund hinterm Ohr. Er wird nachher wieder nach Wald riechen, an dieser Stelle, wo das Fell besonders zart und flaumig ist.
Der Kinderwagen stetzt sich ruckelnd in Bewegung, die Bäckchen des Kindes sind zartrosa von der kühlen Luft und wackeln sacht im Takt. Lächelnd halte ich das Gesicht noch einmal gen Himmel.

Und mir wird klar: Dieses Jetzt liegt irgendwo dazwischen, ist nicht mehr ganz so schillernd, auch nicht schwarz-weiß, sondern irgendwie dunkelbunt. Mit kleinen Tupfen, da wo die Sonne durchdringt.

Das sind Sommersprossen aus Glück.

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