Kapitel 1.3

Lest zuerst Kapitel 1.1 und 1.2!

Der Fuchs sprang behände den Abhang hinunter, über Wurzeln und umgestürzte Bäume, während sich die kleinen Pfötchen des Eichhörnchens in sein Nackenfell gruben. Hektor hatte Ajax schon nach wenigen leichtfüßigen Sätzen eingeholt und ihn aufspringen lassen, schließlich hatten sie keine Zeit zu verlieren, und die Eule war ihnen weit voraus. Gemeinsam querten sie eine kleine Schlucht, auf der anderen Seite kletterte Hektor zwischen Sandsteintürmen empor auf das vor ihnen liegende Felsplateau, stets witternd und lauschend. Dieses Gelände war seine Spezialität.
Die schützenden Bäume – Buchen, Eichen, Kiefern – wichen allmählich zurück, machten Platz für majestätische Felsformationen, die sich dem von Schäfchenwolken durchzogenen Himmel entgegenreckten. Sie näherten sich dem Rand ihres Refugiums.

Da hinten, hinter dem nächsten Hügel, würden sie die Weite erreichen, einen großen Talkessel, der von einem Fluss durchschnitten wurde. Hektor konnte das Rauschen bereits hören. Er hatte schon so manche Dämmerung, im Schatten der Eichen verborgen, den Geräuschen gelauscht, die vom Lied des Wassers untermalt wurden: Das Heulen und Knurren, das Jagen und Reißen. Die Rudel auf der anderen Seite bemühten sich nicht darum, unsichtbar zu sein.
Hektor wäre töricht gewesen, die Weite jemals zu betreten.
Heute tat er genau das, ein altkluges Nagetier im Gepäck, das ihn offenbar für etwas hielt, das zu sein er nie beabsichtigt hatte: Einen Helden.

Astéria hockte auf einem Baumstumpf und blickte in das vor ihnen liegende Grasland. Natürlich hörte sie Hektor, als er sich näherte, und er gab sich nicht die Mühe, dies zu verhindern. Die Sinne der Eule waren, selbst wenn ihre Augen von der Helligkeit getäuscht wurden, nur schwer zu überlisten. Das machte sie wertvoll für die Gemeinschaft, aber hin und wieder lästig für ihn, dem sie nur allzu gern ihre Überlegenheit zu demonstrieren pflegte.
Die Eule drehte den Kopf, als Hektor neben ihr auftauchte, ihre gelben Augen klimperten träge.
»Gut, gut«, sagte Ajax, bevor Astéria ihr übliches Geplänkel einleiten konnte. »Zum Fluss!« Sie hatten keine Zeit zu verlieren.

Widerwillig setzte Hektor sich in Bewegung. Es kostete Überwindung, den Wald zu verlassen, obwohl das hohe Gras ihn weitestgehend verbarg. Astéria schwebte über ihnen wie ein unfreiwillig gesetztes Signal und Hektor schmunzelte über den plötzlichen Rollentausch – er hier unten, auf leisen Pfoten, sie da oben, allen Blicken ausgesetzt. Er hoffte nur, dass dies nicht zu ihrer aller Nachteil war.
Das Rauschen war lauter geworden, so laut, dass es alle anderen Geräusche überdeckte. Hektor stand am Flussufer, mehr schlecht als recht verborgen hinter dem Felsblock, auf dem sich die Eule niedergelassen hatte. Er fühlte sich nackt ohne die feine Wahrnehmung seiner spitzen Ohren, selbst sein Geruchssinn war lediglich erfüllt von feuchtwarmer Luft. Doch seine Augen funktionierten, und sie starrten vor ihm in den nassen Sand.

»Sind das…?«
»Fußspuren«, bestätigte Ajax, der abgesprungen war und nun neben dem tiefen, länglichen Abdruck hockte. Es war nur einer von vielen, das ganze Ufer war von ihnen bedeckt, wie ein Pfad führten sie entlang des Wassers, wurden schließlich von der Strömung verschluckt, nur um auf der anderen Seite wieder aufzutauchen. Der Fluss war nicht breit, Hektor konnte sehen, wie die Spuren drüben zwischen den Birken verschwanden.
»Zweibeiner«, hauchte Astéria. »Aber wie können sie…?«
»Ich weiß es nicht.« Das Eichhörnchen blickte ernst zwischen den beiden hin und her.
Hektor versuchte, zu verarbeiten, was er hier sah. Diese Wendung kam unerwartet. Er hatte mit Wolfsspuren gerechnet, vielleicht einem toten Reh – sie waren unvorsichtig, wenn sie saftiges Gras witterten -, aber das…

»Normalerweise sollten sie die Grenze nicht übertreten können«, fuhr Ajax fort. »Aber neuerdings… nun, das sind nicht die ersten Spuren, die ich gefunden habe.«
Astéria holte Luft, doch er unterbrach sie mit einer forschen Geste.
»Ich wollte euch nicht beunruhigen.« Die kleinen, schwarzen Augen verkündeten das Gegenteil. »Aber die Vorkommnisse häufen sich. Wir müssen dem nachgehen. Das heißt: Ihr müsst dem nachgehen.«
»Du kommst nicht mit?« Hektor löste sich aus seiner Starre. Seine Schnurrhaare zitterten, wie immer, wenn er aufgeregt war. Ajax schickte sie ins Wolfsland… allein?
Das Eichhörnchen wippte mit dem buschigen Schwanz, kleine Fältchen bildeten sich auf seiner winzigen Stirn. »Ich bin ein Eichhörnchen, Hektor.«
»Und ich bin ein Fuchs!«, entgegnete Hektor trocken. »Denkst du, Isegrim und seine Bande laden mich zum Kaffeekränzchen ein?«
»Hmm…« Ajax tippte Hektor mit der Pfote gegen die Schnauze. »Dein loses Mundwerk hat dich schon aus so manch brenzliger Situation befreit. Ich denke, du bist für diese Mission geeignet.«
Astéria klapperte missbilligend mit dem Schnabel.

»Außerdem«, fuhr das Eichhörnchen fort, »gibt es einen Grund, warum ich euch um euren kostbaren Schlaf gebracht habe. Die Wölfe sind für gewöhnlich ebenso nachtaktiv wie ihr. Solange die Sonne am Himmel steht…« Er legte prüfend den Kopf in den Nacken. »…solltet ihr hoffentlich keine Probleme bekommen.«
»Hoffentlich…« Hektor stieß ein Stöhnen aus. Ajax‘ Worte waren ein schwacher Trost. Man erzählte sich üble Geschichten über die andere Seite des Flusses, und niemand konnte bestätigen, ob sie stimmten. Wer eine Pfote über die Grenze ins Wolfsland setzte, kehrte üblicherweise nicht zurück. Hektor wusste zwar, dass irgendeine Art Status Quo zwischen ihnen und den Graupelzen bestand, jedoch konnte er sich kaum vorstellen, dass Ajax sich im Zweifelsfall gegen Isegrim behaupten würde. Wie er selbst schon gesagt hatte: Er war ein Eichhörnchen.

»So wie ich das sehe«, bemerkte Astéria, die weiterhin mit besorgter Miene die Spuren musterte, »haben wir nicht viele Optionen. Menschen machen mir mehr Angst als Wölfe.«
Ajax nickte. »Wenn sie diese Grenze überqueren können, dann wohl auch bald alle anderen«, stimmte er ihr zu.
Hektor knurrte gequält. Ja, er hatte schon immer wissen wollen, was jenseits des Waldreiches lag, doch hätte er sich lieber in den Nymphenbädern gesuhlt oder sich in den Feenwiesen einem warmen Tagtraum hingegeben. Dass ausgerechnet die Wölfe ein Tor zur Außenwelt öffnen mussten, entsprach nicht seinem Plan, falls er überhaupt einen gehabt hatte. Er war schließlich neugierig, aber nicht verrückt.

Doch Ajax hatte recht. Wenn die Zweibeiner so weit vordringen konnten, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie im Waldreich auftauchen würden. Und er hatte wenig Lust, die Konsequenzen abzuwarten.
»Dann also auf ins Wolfsland«, brummte Hektor. »Möge das Federvieh zuerst verspeist werden.«
Ein letztes Mal blickte er zurück, speicherte das Bild der erhabenen Eichen am Horizont, die sein zu Hause geworden waren. Er hoffte, dass er zurückkehren würde. Ajax hob eine Pfote zum Gruß, die dunklen Augen wachsam auf seine liebsten Kinder gerichtet. Dann wandte er sich ab und verschwand im hohen Gras.
Hektor sah zu Astéria hinauf, die ihn erwartungsvoll musterte. Es lag wohl an ihm, diese Reise zu beginnen.
Nun gut, dachte der Fuchs, während er seine Krallen in den feuchten Sand grub. Ohne die leiseste Ahnung, was vor ihm lag, sprang er in die Fluten.

Kapitel 2 beginnt in Kürze!

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