Die Ignoranz des Menschen ist unantastbar

Achtung! Dieser Text kann Spuren von Sarkasmus enthalten.
Bei Unverträglichkeit bitte nicht weiterlesen.

Es war einmal am anderen Ende der Welt, irgendwo dort, wo unsere billigen Klamotten produziert werden oder Menschen an den Folgen des von uns stetig angefeuerten Klimawandels verrecken, da wurden Tausende und Zehntausende von Krankheiten heimgesucht. Weil wir gern über schlimme Dinge lesen und diskutieren, spielten wir uns eine Weile als fürsorgliche Helfer auf, spendeten zehn Euro, bevor wir uns wieder der Playstation widmeten. Lange Ladezeit überbrückt – verdammtes, langsames Internet!

Wie es wohl weiterging unter der brennenden Sonne Afrikas oder Asiens oder woauchimmer? „Gibt es Ebola eigentlich noch?“, fragten wir uns vielleicht, und googelten eine halbe Stunde, bevor uns die neue Netflix-Serie wieder ablenkte. Wir haben hier schließlich genug Probleme. Arbeitslosigkeit. Zu wenig Sozialhilfe – „Woanders gibt es keine? Mir doch egal!“ Und Ausländer. Als wären die nicht Problem genug.

Es kam eine Zeit – sie wird wohl historisch bedeutsam sein -, da klopfte ein Virus an unsere Tür, nachdem er anderswo bereits gewütet hatte. Eine unsichtbare Bedrohung scheinbar übermächtig, beängstigend – doch längst nicht so beängstigend wie leere Supermarktregale und ausverkauftes Klopapier. Wochenlang wurde gebangt, nicht um unsere Gesundheit, sondern um das Sauberwerden unserer breitgesessenen Hintern… und irgendwie kamen wir davon.

War es Glück? Oder evolutionäre Überlegenheit? Ein Test? Hatte man uns womöglich alle getäuscht?

Bald schon begannen sie zu flüstern, erst leise, dann lauter: „Ich glaub da ja nicht so dran“, sagen nun die Harmlosen.
„Die wollen uns unterjochen!“, brüllen die Radikalen. Selbsternannte Freiheitskämpfer auf den Straßen. „Für unsere Demokratie!“, schreien sie und treten Meinungsfreiheit mit Füßen. Denn Meinungen sind nur frei, wenn sie dagegen sind – gegen das, was ist, gegen das, was uns womöglich gerettet hat. Falls es überhaupt etwas zu retten gab.

Ich schalte die Nachrichten schon längst nicht mehr an. Bin zerfressen von Weltschmerz und Zweifel an der Menschheit selbst. So viel Hass, so viel Ignoranz.

Aber die, die da draußen, die so laut schreien, die müssen es doch gesehen haben. Müssen gehört, gelesen, mitbekommen haben, was außerhalb unserer Bastionen geschah. Gestapelte Särge, Alte, die ohne Abschied von dieser Welt gingen, Tausende, die wochenlang zu Hause eingesperrt waren, zu ihrer eigenen Sicherheit. Während wir noch paarweise spazieren gingen, unter der strahlenden Aprilsonne – welch übles Schicksal hatte uns doch ereilt!

Ich bin wütend. Ratlos. Verloren.

Wie soll ich meinem Kind in zehn, fünfzehn Jahren erklären, warum hier in Deutschland, vor allen anderen, wieder und wieder und wieder der Verstand, die Solidarität, die Menschlichkeit versagt? Werde ich meinem Kind das überhaupt erklären können, oder dürfen solche Worte in zehn, fünfzehn Jahren vielleicht nur noch geflüstert werden?

Noch steht diese Zeit in keinem Geschichtsbuch, noch können wir die Zeilen verändern, die unsere Kinder und deren Kinder irgendwann lesen werden. Was wird überwiegen? Die polarisierenden, verbal bis physisch gewalttätigen Schwingungen, die „Hygiene-Demos“, die verrückten Theorien? Oder die Nächstenliebe, die kleinen und großen Gesten, das gemeinsame Durchhalten, die Dankbarkeit für all jene, die den Laden am Laufen hielten und die bei all dem „Mir doch egal!“ gern vergessen werden?

Noch sind es nur ein paar Tausende unter Millionen. Die sind nicht das Volk. Aber wir sind verantwortlich dafür, dass das auch so bleibt.

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