n.Co.

„Ist das okay?“, fragt er mich vor seinem ersten Arbeitstag nach dem Lockdown, mustert mich dabei mit einer Mischung aus Zurückhaltung und Besorgnis, als gäbe es Optionen, als befände sich „Nein“ unter der Liste möglicher Antworten – selbst wenn es nicht okay wäre.
Ich nicke, zucke mit den Schultern, sage: „Ist schließlich Arbeit.“ Und tagsüber im Büro zu sein, war irgendwann einmal Normalität.

Wir versuchen, zu dieser Normalität zurückzukehren oder eine Neue zu finden. So ganz sicher sind wir uns da selbst noch nicht. Und während die Räder allmählich beginnen, sich wieder zu drehen, während über Kaufprämien und Konjunkturpakete verhandelt wird, erscheint all das irgendwie zu leicht. Soll es das wirklich gewesen sein? Und: Sind wir eigentlich schon im Danach? Oder noch mittendrin?

„Diese Zeit bietet ja auch eine Menge Potenzial“, sagte ein Bekannter neulich zu mir und meinte: Wir haben jetzt die Möglichkeit, uns neu zu erfinden. Das Beste mitzunehmen. Das Schlechte auf der Strecke zu lassen. Ein schöner Gedanke. Einer, an dem ich mich festklammern will, ein Anker inmitten dieser neuen Realität, in die ich mich noch nicht so ganz einfügen kann.
Zu stark ist das Gefühl des Zurückbleibens, noch immer im Homeoffice, noch immer wartend auf die Zeit, in der man seine Lieben wieder guten Gewissens umarmen kann – auch die Alten. In der es wieder erlaubt ist, Räume mit Musik zu füllen, Gemeinschaft zu erleben, sorglos zu sein.

Ich glaube ja, unser Gesang wird lauter sein, nicht nur in den Ohren, und echter. Die Umarmungen werden ehrlicher sein, weniger flüchtig. Wir werden Familienfeiern nicht mehr als „lästige Pflicht“ ansehen, sondern als Privileg. Wir werden gelernt haben, aus dieser Zeit, in der wir unsere Kontakte auf ein Minimum beschränken mussten, wen wir wirklich um uns haben wollten – und andersherum. Und wenn wir das erste Mal wieder in den Urlaub fahren, einfach so über die Grenze, ohne Kontrollen, ins Blaue und mit offenem Fenster statt mit eingezogenem Kopf, dann wird uns auffallen, wie frei wir sind.

Diese Zeit bietet eine Menge Potenzial.
Aber noch sind wir mittendrin.