Emanzipation

„Mit Hobbys ist es nun aber für dich erstmal vorbei.“

„Trägst du etwa immer noch die Jeans aus der Schwangerschaft?“

„Der Papa hat extra Elternzeit genommen? Kann sie sich nicht um ihr eigenes Kind kümmern?“

„Und wann gehst du wieder arbeiten?“

„Für dich ist Homeoffice ja kein Problem, dein Kind ist doch noch klein.“

„Wenn du denkst, das wäre stressig, warte erstmal ab, bis dein Kind … kann!“


„Ich hätte nicht gedacht, dass dieses Muttersein so eine Herausforderung ist.“

Meine Worte klingen naiv, als wäre mir nicht klar gewesen, dass ich im täglichen Zyklus zwischen Windeln wechseln, Spielen, Brei kochen, füttern, Wäsche waschen, Kinderwagen schieben und Desozialisierung gefangen sein würde. Und natürlich sind da die Momente, in denen mich die Fremdbestimmung kombiniert mit müdigkeitsbedingter Dauerdemenz an meine Grenzen treibt – immer so lange, bis das Kind in meinen Armen einschläft, ich von dem unverkennbaren Duft eingehüllt werde, am liebsten sitzen bleiben möchte, weil man sich ja kaum lösen kann vor lauter Liebe.

Nein, es ist die Zerrissenheit, der ewige Spagat zwischen den Erwartungen anderer, das schlechte Gewissen, wenn ich stattdessen intuitiv meine eigenen durchsetze. Der Grat zwischen Ignoranz, weil das ja früher alles viel schwerer war und auch irgendwie ging, und Mitleid, wenn der Blick durchs unaufgeräumt Wohnzimmer schwenkt und die täglich tiefer rutschenden Augenringe mustert, ist schmal. Irgendwo dazwischen befände sich echte Empathie, nicht nur die „Ach ja, mir gings genauso, aber warte mal ab, es wird noch viel schlimmer“-Schein-Solidarität.

Die Sache ist die: Sich ein Stück weit selbst aufzugeben für so einen kleinen Menschen, das kann gleichzeitig das Schwerste und Schönste sein, was ich jemals getan habe – ein Widerspruch, der manchmal kaum auszuhalten, aber nicht so unerträglich ist, wie das permanente Bullshit-Bingo, das leider hauptsächlich von anderen Müttern jeden Alters gespielt wird.

Wenn ich sie dann höre, lese, sehe, all die feministischen Schreie nach Gleichberechtigung, dann frage ich mich: Hört ihr euch selbst eigentlich zu? Und: Können Frauen nur dann emanzipiert sein, wenn sie kinderlos bleiben? Kann man nicht eine „gute Mutter“ sein und sich trotzdem selbst verwirklichen? Muss man andere geringschätzen, wenn sie sich gegen den Spagat entscheiden und nur eins von beidem wählen?

Warum sind wir Frauen unsere erbittertsten Gegner?

Vielleicht bedeutet Emanzipation ja nicht immer die große Klettertour auf der steilen Karriereleiter, den Wäschekorb in der einen, das Diensthandy mit der laufenden Telefonkonferenz in der anderen Hand. Vielleicht bedeutet Emanzipation ja einfach nur, seinen Weg selbst wählen zu dürfen – und dabei nicht ständig hinterfragt zu werden. Ganz besonders nicht von denen, die es eigentlich besser wissen sollten.

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