Die Lücke im Leben

„Und wie geht’s jetzt weiter?“

Ich höre die Frage beinah täglich, oder würde sie täglich hören, wenn ich so oft mit anderen Menschen kommunizieren würde. Sie ist zum Soundtrack dieses Sommers mutiert, seit klar ist, dass es eben hier nicht weitergeht, dass sich diese Tür schließt – ohne mein Zutun. Vorhersehbar.

Dennoch ist es ein seltsames Gefühl, das mich begleitet, seit diese Entwicklung unabwendbar ist. Eigentlich war sie das schon immer, seit ich meine Unterschrift unter einen Vertrag gesetzt hatte, der groß und breit ein Ablaufdatum trug. Irgendwie liegt es wohl in unserer Natur, uns gern Optionen offenzuhalten, uns an ein „Vielleicht“ zu klammern, zu ignorieren, dass der Schlussstrich längst gezogen wurde. Dabei geht es nicht einmal darum, dass wir wirklich an der Sache selbst hängen, sondern vielmehr um die Kontrolle. Es ist etwas anderes, wenn es an mir liegt, diesen finalen Punkt zu setzen, als wenn jemand diese Entscheidung für mich trifft – selbst wenn ich daran beteiligt war.

Ich sehe ihn an, zucke mit den Schultern, das unbekümmerte Lächeln auf den Lippen, das sich manchmal echt anfühlt, oft aber wie eine schlecht gearbeitete Maske.
„Elternzeit“, sage ich nur, weil er diese Information und deren Randbedingungen längst kennt. Wir wissen beide, dass seine Frage auf etwas anderes abzielt. Und tatsächlich sprechen wir über Stellenangebote, die da kommen mögen, Weiterbildung, Qualifikation, weil das Muttersein mit all seinen organisatorischen und menschlichen Herausforderungen eben auch im 21. Jahrhundert keine Qualifikation ist, eher im Gegenteil.

Stattdessen haben sie eine Lücke im Lebenslauf – diejenigen, die von 6:00 bis 20:00 Uhr auf den Beinen sind, bei einer 7-Tage-Woche mit einer Handvoll Wochenenden Urlaub im Jahr (wenn die Kinder doch mal bei Oma und Opa sind), sich von Luft und Kinderlachen ernähren, oder von dem, was eben herumsteht, mal eben zwischendurch. Gesetzliche Pausen? Bitte!

An meinem letzten Arbeitstag fahre ich nach Hause, nachdem der Großteil der Papierablage im Müll gelandet ist, der Rest beim Kollegen, ein paar Päckchen Tee aus dem Rollcontainer in meinem Rucksack, dazu die Tasse – die „Arbeitstasse“, für jeden Job eine neue, es ist jetzt die zweite -, der Schlüssel bei der Verwaltung. Den meisten Ballast lasse ich zurück. Den mentalen auch.

Kreischendes Lachen empfängt mich, als ich die Wohnungstür aufschließe. Der Hund kommt mir entgegen, schwanzwedelnd, mit hilfesuchendem Blick. Ich kraule ihm den Kopf, das mag er gerne, weiches Fell schmiegt sich in meine Hand. Das Kind dreht im Wohnzimmer auf Knien seine Runden, Spielzeug liegt überall verteilt, plötzlich hält es inne, dreht den Kopf, lächelt mich an. Ich lächle zurück. Mein Lebenslauf mag eine Lücke haben. Mein Leben hat keine.

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