09092020

Der Kies knirscht unter meinen Schuhen, gepaart mit dem Knarzen der Kraxe auf meinem Rücken, als ich hinter der ersten Kurve verschwinde. Ich lausche dem Duett, das jeden meiner Schritte begleitet, lege den Kopf in den Nacken und schließe kurz die Augen. Der Weg ist breit, zu viel Platz für Fehltritte. Wohltuende Monotonie.

Schon nach wenigen Minuten wiegt das Gewicht schwer auf meinen Schultern, zehn Kilo Kind plus Gepäck. Ich habe den Kies gegen nadelbedeckten Waldboden getauscht, das Duett ist ein Solo geworden und meine Augen sind weit offen. Ich muss nun stehen bleiben, wenn ich sie schließen will, und das tue ich, denn es geht bergauf. Das Kind ist längst eingeschlafen, der einzige Mensch hier außer mir. In mir und um mich herum: Laute Stille.

Ich lausche, während ich atme, mein Puls geht schnell, kräftig, und mit jedem Schlag werde ich ruhiger. Irgendwo im Unterholz knackt es, der Hund hebt witternd den Kopf. Ein Specht wechselt den Baum, hämmert in die Rinde, im Laub da drüben hüpft eine Amsel raschelnd umher. Es riecht nach feuchtem Moos und Pilzen, sie wachsen überall, man muss sich nur bücken, das Abendessen ist längst komplett. Und ich auch. Das hier, das habe ich vermisst: Das Alleinsein. Das Sein.

Wir setzen unseren Aufstieg fort, der Hund und ich, bis wir oben stehen, wo die Sonne nicht mehr nur zaghaft durch die Bäume blitzt, sondern ihre volle Kraft auf den Sandstein richtet. Ich lege meine Hände auf die raue, runde Struktur, die Wärme unter meinen Fingern erzählt von einem langen Sommer, der noch nicht gehen will, jetzt noch nicht. Die Aussicht ist atemberaubend, ungetrübt, auch wenn ich ihr nur einen kurzen Blick schenke. Ich bin nicht wegen der Aussicht hier.

Heute Abend werden meine Beine schwer sein, meine Schultern schmerzen und meine Fingernägel dunkle Ränder haben. Der Hund wird wohlig seufzend in seinem Körbchen liegen, die Pfoten in der Luft, weil er am liebsten auf dem Rücken liegt, wenn er so richtig zufrieden ist. Der Duft nach Kiefernnadeln und warmem Sandstein wird noch immer in meiner Kleidung stecken, ein paar Nadeln haben sich in unser Wohnzimmer verirrt, und das Kind träumt jetzt schon von Zapfen und kleinen Stöckchen.

Ich werde darüber schreiben wollen und es doch wieder nicht können, oder erst drei Tage später, weil ich zu müde war oder zu sehr Mutter. Dieser Tag hat keine Pointe. Nur eine Menge Glück.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s