Tick, tack.

Die Uhr an der Wand geht falsch. Das goldene Pendel schwingt – links, rechts, links – hin und her, einen Sekundenbruchteil zu langsam in jede Richtung, als könne sie nicht ganz mithalten mit dem Jetzt, oder als wollte sie es nicht. Der Anblick ist tröstlich, irgendwie vertraut, so oft, so oft schon habe ich hier gesessen und auf die Ziffern gestarrt, mich gefragt, ob die Zeiger wirklich die Realität abbilden oder das Vorhin, immer ein paar Minuten in der Vergangenheit, ein Sinnbild für das, was nicht mehr ist.

Aber Zeit lässt sich nicht austricksen, vielleicht messen, in kleine und große Kreise mit fest eingeteilten Abschnitten zwängen, und doch bleibt sie unberechenbar, ungebunden, unaufhaltsam. Tick, tack.

Die alte Frau seufzt, als sie sich niederlässt, den Krückstock lehnt sie gegen den Sessel. Ihre Beine tragen sie noch, es grenzt an ein Wunder, aber ein trügerisches, und allzu oft wird die Last des Körpers doch zu schwer, oder die der Seele. Wahrscheinlich beides.

„Ich wünschte, das wäre bald vorbei.“ Ihre Stimme klingt rau, sie hat schon viel gesprochen in ihrem Leben, ein langes Leben, über das es viel zu erzählen gibt, und doch straft sie die Wanduhr Lügen, beide Beine im Jetzt, die Arme ausgestreckt nach dem Bald. Ich habe diese Worte oft von ihr gehört in den letzten Wochen, nein, Monaten, wieder und wieder, und sicher, wir sagen sie alle, aber meinen wir sie mit dieser Intensität, dieser Inbrunst, die sie fast nach einem Flehen klingen lässt? „Ich möchte meine Urenkel wieder umarmen. Und euch.“

Sie sieht mich an. Ich halte dem Blick nur mühsam stand. Denn es ist nicht vorbei, wir wissen es, wir haben es geahnt und doch ignoriert, zumindest einige, denn das Leben ist das, was jetzt passiert, oder nicht? Wen kümmert die Zukunft? Und wenn sie uns einsperren, dann nur auf Zeit, und Zeit haben wir, endlich mal wieder ein Buch lesen, spazieren gehen, den Dachboden aufräumen, im Frühling kehren wir mit alter Kraft zurück. Aber gilt das wirklich für alle?

„Kommt lieber nicht“, sagte sie am Telefon, und ich verstehe die Furcht in den Worten, vor dem Unbekannten. Ich wünschte, ich hätte dem nachgeben können, stattdessen sitze ich hier, am anderen Ende des Tisches, allein, weil vergangenes Aufschieben noch immer tief sitzt. Keine kleinen Füße rennen über den Teppich, der schon mehrere Generationen überlebt hat, und den der Hund so liebt. Der Hund, er liegt normalerweise auf ihren Füßen, aber heute nicht, denn seine Liebe versteht keine Distanz. Ein Kompromiss. „Ich schicke dir ein paar Bilder“, verspreche ich zum Abschied.

Die Uhr an der Wand meiner Großmutter geht falsch. Sie hängt immer ein paar Minuten in der Vergangenheit, manchmal auch eine halbe Stunde, je nachdem wie oft man sie stellt. Aber die Zeit lässt sich nicht austricksen. Sie rinnt uns wie feiner Sand durch die Finger, unaufhaltsam, immer vorwärts, nie zurück. Zukunftsorientiert. Doch unser Speicher ist endlich. Das Verharren, das Aushalten, das Warten auf bessere Zeiten – es ist ein Privileg, diese Zeit zu haben.

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