Dunkel

Früher hatte ich Angst im Dunkeln. Nicht vor jener womöglich wirklich gefährlichen, städtischen Dunkelheit, dem Zwielicht der Straßenlaternen, das die Schatten nur noch schwärzer und den harmlosen Gruß eines entgegenkommenden Fußgängers bedrohlich wirken lässt. Es war vielmehr die Dunkelheit selbst, die mein Herz vor Hast stolpern ließ, als könne sie mich durch das bloße Fehlen jeglicher Konturen erdrücken. Ein schwarze Leinwand, viel Raum für wilde Fantasien. Oder nur ein Urinstinkt? Was für ein Unsinn, wusste ich damals schon.

Was für ein Unsinn, denke ich auch jetzt, weil ich den erhöhten Puls auf die schnellen Schritte schieben kann, ein bisschen Sport am späten Nachmittag, man kommt ja sonst kaum raus, aber vielleicht, vielleicht laufe ich eine Spur schneller als sonst. Der Hund setzt seine Pfoten dicht neben meine Füße, helle Flecken auf schwarzem Grund, hin und wieder wirft er einen prüfenden Blick über die Schulter, hinein in den Wald, dabei ist er genauso nachtblind wie ich. Wir sind viel zu spät aufgebrochen, sind irgendwie nicht weggekommen, noch etwas aufräumen, ein Streit über Nichtigkeiten, zwischen Tür und Angel, diese Tage verlangen uns nichts ab und gleichzeitig alles. Aber das Tageslicht wartet nicht.

Die Bäume und mich herum, sie ragen leblos und grau wie erloschene Fackeln in den Himmel, kalte Asche, wo vor einer Stunde noch die Farben tanzten. Hier und da werden die Reihen unterbrochen durch Konturen, die ich erst auf den zweiten Blick einordnen kann, Büsche, dichtes Gestrüpp, undefinierbare Formen, doch ich gehe diesen Weg oft, so oft, dass ich sie alle zu kennen glaube. Ich suche nach der Angst von früher, ich muss gut hinhören, über meinen eigenen Atem hinweg, laut und schnell, so wie das Gebrüll all der Gedanken in meinem Kopf. Sie sind ein Schild geworden gegen das, was tiefer steckt – oder ein Gefängnis? Manchmal bin ich mir da nicht so sicher.

Früher hatte ich Angst im Dunkeln. Heute lege ich mir die Dunkelheit wie eine Decke um die Schultern, umarme das Herzklopfen wie einen alten Freund. Es lässt die Welt da draußen, diese kalte, unerträgliche Welt, ganz leise werden, und ich, ich bin einfach nur hier. Atmend. Innerlich still. Zumindest für einen Moment.

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