Textgut #1-21

Es war hier lange still. Aktuell fehlt es mir an Kapazitäten, alle Kanäle zu bedienen, mein Fokus liegt auf der Fertigstellung eines Romanprojekts. Zwischendurch veröffentliche ich hin und wieder kleine Texte auf Instagram. Damit diese nicht nur dort konserviert werden, möchte ich ein paar davon fortan auch auf diesem Blog teilen.

06.01.2021

Es ist schon fast dunkel. Im Grunde war es das den ganzen Tag. Die Tage werden länger, aber nicht heller, schon gar nicht jetzt, da die Lichter allmählich wieder verschwinden, aus den Fenstern und den Gemütern.
Ich bin geflohen, wieder einmal, ohne zu wissen wovor, nach draußen, unter die Bäume. Die Bäume, sie sind meine Zuflucht geworden, still und grau, und gleichzeitig das Schlachtfeld all meiner Gedanken, den unausgesprochenen.
Es hat zu regnen begonnen, ganz sacht. Das schwarze Fell des Hundes verschmilzt bereits mit den Schatten, wir tragen alle die gleichen Farben, unsichtbar, aber vielleicht wäre ich das auch in einem bunten Kostüm.
Die Einsamkeit, behütet von stummen Wipfeln, schließt ihre Arme um mich. An manchen Tagen legt sie sich wie ein weicher Mantel um meine Schultern. Heute wird mein Atem schwer. Ich suche sie und gleichzeitig erdrückt sie mich, immer im Wechsel, wir tanzen miteinander, schon viel zu lange. Ich bin nicht mehr sicher, wer von uns beiden führt.
Reflexartig greife ich nach meinem Handy, gedanklich gehe ich meine Kontaktliste durch. Es ist ganz einfach, oder nicht? In Filmen tun das die Menschen, sie wählen eine Nummer – „Hey, hast du kurz Zeit?“ -, Leichtigkeit in Form konservierter Worte. Ich nehme die Hand wieder aus der Tasche.
Die Luft wird kälter, kaum dass ich den Wald verlasse. Ich hebe das Gesicht gen Himmel, im Licht der Straßenlaterne, das Tuten des Freizeichens im Ohr, spontan, unverhofft, ich wollte es bereits lassen.
„Hallo?“ Ihre Stimme klingt müde, sie spiegelt alles, was ich fühle, nur so viel stärker.
„Hallo, Oma. Ich bin’s.“
Es hat zu schneien begonnen.

08.02.2021

„Es schneiiiiit bisschen!“, ruft das Kind, am Fenster stehend und drückt sich die Nase platt. Ich sehe nach draußen, auf die Schneeberge, die nachts der Schneepflug zusammengeschoben hat, auf die Autos, die nur noch weiß-bunte Häufchen in der Landschaft sind. Es hat geschneit. Ein bisschen.
Ich bin gestresst, der Mann steht im Stau, Geschwindigkeit ca. 5 Meter pro Stunde. Ich organisiere, wusele herum, der Hund bekommt alles mit, streift rastlos hechelnd um meine Beine, während das Kind vor Freude jauchzt.
Irgendwann, es ist längst Nachmittag geworden, kommt unser innerer Stress ebenso zum Erliegen wie die Welt da draußen – diesmal so richtig. Wir sind alle wieder zu Hause, wir sind sicher, satt, wir haben es warm, müssen nirgendwohin.
Als ich mit dem Hund rausgehe, schneit es nicht mehr. Die Luft ist klar geworden und die Kälte schlägt mir mitten ins Gesicht, beißt sich in meine Haut, weckt mich auf aus der alltäglichen Schwere. Ich atme ein. Und aus. Sehe die Atemwolke.
Die Autos fahren Schrittgeschwindigkeit, alles um uns herum bewegt sich in Zeitlupe, zumindest bis wir im Wald sind, bis der Karabiner klickt. Dann rennt der Hund los, mit großen Sprüngen durch den Pulverschnee, bremst und verschwindet in einer Wolke, kommt zu mir zurück, nur um erneut davonzufliegen. Und mit ihm all der Stress, Ballast der letzten Tage.
Ich lache, laut, während meine Wangen brennen, ich stapfe durch den Schnee, dampfend, lasse mich schließlich hineinfallen. Der Winter in mir und der hier draußen, das ist nicht das selbe, merke ich, denn das hier ist hell, ein Funken Leichtigkeit, eiskristallklares Glück. Und ich hoffe, es bleibt noch ein bisschen.

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