Durchhalten

Zu stark ist das Gefühl des Zurückbleibens, noch immer im Homeoffice, noch immer wartend auf die Zeit, in der man seine Lieben wieder guten Gewissens umarmen kann – auch die Alten. In der es wieder erlaubt ist, Räume mit Musik zu füllen, Gemeinschaft zu erleben, sorglos zu sein.

n.Co.

Ich habe nicht damit gerechnet. Wir haben alle nicht damit gerechnet, glaube ich. Vor einem Jahr, da dachten wir: Wir haben es bald geschafft. Das Leben wird wieder normal, früher oder später, die Zahlen sinken, alles wird gut. Man könnte es Naivität nennen, vielleicht aber auch Hoffnung, so viel Hoffnung. Worauf? Die Realität begleitet uns hartnäckig, schon ein Jahr lang und sicher noch länger.

Wir umarmen uns immer noch nicht. Wir treten und stoßen mit Füßen und Ellenbogen und schlimmer noch: Mit Worten. „Ich kann nicht mehr!“ Dieser Satz wird immer lauter, wird gebrüllt, von manchen wütend, von anderen verzweifelt, und es stimmt: Wir können nicht mehr, können schon lange nicht mehr, aber wir müssen.

„Ich lasse mich nicht einsperren“, sagte kürzlich jemand zu mir. „Das habe ich schon einmal erlebt.“ Ich nicke betroffen, obwohl ich es mir nicht vorstellen, seine Erinnerungen kaum erahnen kann, denn ich war nicht dabei, doch ich kenne das Gefühl, getriggert zu werden. Ich schenke ihm mein Mitgefühl, alles, was ich geben kann, aber Nachsicht, die habe ich nicht.

Es geht hier nicht um Freiheit. Es geht ums Überleben. Vielleicht nicht um deines, wobei du das nicht wissen kannst, denn das Modell des Risikopatienten ist längst überholt, stattdessen reden wir von „dann können wir es auch ganz lassen“, wenn wir keinen richtigen Lockdown bekommen. Aber auf wessen Kosten? Vielleicht geht es auch nicht um mein Leben, aber um irgendjemandes Überleben geht es, und diese Irgendjemande, das sind zu viele, selbst wenn es nur wenige wären.

Niemand will eingesperrt sein. Nicht du, nicht ich, nicht die Toten, nicht deren Hinterbliebene, nicht jene, die verzweifelt um Luft ringen, nicht jene, die um deren Leben kämpfen.

Wir können alle nicht mehr. Aber wir müssen.

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