Textgut #2-21

07.04.2021

Ich erinnere mich an gestern.
Ich erinnere mich, wie die Sonne schien, während die dunkle Wolkenwand noch nicht ganz hinter dem Berg verschwunden war und die nächste bereits in der Ferne anrückte. Die Sonne schien, mitten in mein Gesicht, brachte kaum Wärme an diesem viel zu kalten Apriltag, zumindest nicht von außen, aber in mir, da regte sich etwas. Das Gefühl, ich habe es beinah schon vergessen, seit da der Schleier ist, ein Nebel über allem, an trüben Tagen und an hellen, manchmal dichter und manchmal ganz zart. Müsste ich ein Bild malen, ich wählte eine Blume als Motiv, klein und weiß, eines der Blätter hat einen Riss, perfekt unperfekt liegt sie auf dem verrottenden Laub, auf den Resten des vergangenen Jahres, das den Waldboden bedeckt. Das Grün sprießt hier und da hindurch, Farbtupfen vermischt mit goldenem Nachmittagslicht, das Licht ist überall, flutet hindurch zwischen dem Aschgrau der Buchen und hinein, mitten hinein in mich.
Ich erinnere mich an gestern.
Ich erinnere mich, dass ich sie sehen konnte, für einen Moment zwischen Regen und Schneesturm, all die Schönheit dieses einen Augenblicks. „Das Leben ist schön!“ Ich spreche es als Mantra, bis ich daran glaube, seit Monaten, aber das Gefühl, dieses Gefühl dahinter, an den meisten Tagen ist es mehr eine schwache Erinnerung, eine Legende, die mein Herz überliefert, so lange, bis sie wieder wahr wird.
Ich erinnere mich an gestern und an all die Tage, die wie der gestrige waren. Sie sind gespeichert, in mir gespeichert, sicher verwahrt. Ich habe nur den Schlüssel verlegt. Aber vielleicht, denke ich, vielleicht ist Glücklichsein auch ein bisschen wie Fahrradfahren: Nach einer langen Zeit fühlt es sich hölzern an, ein wenig ungelenk. Aber man verlernt es nicht. Es braucht nur ein wenig Übung.

21.04.2021

Es gibt diesen Baum in unserem Viertel, natürlich ist er nur einer von vielen, überall blüht es, doch unter diesem läuft man zwangsläufig hindurch. Er reckt seine Zweige über die Straße, schneeweiße Blüten hängen doldenartig an seinem rissigen, graubraunen Geäst. Und jedes Mal, wenn ich durch das Blütengewölbe gehe, muss ich stehenbleiben, atmen, lasse mich umfangen vom Duft, als läge in diesem Moment der eigentliche Neuanfang, der Beginn des Jahres, und die Monate zuvor wären nur ein Vorwort.
Es gibt diesen Baum, er riecht nach Frühling und er sendet ihn hinaus, an sonnigen Tagen und an grauen, nach dem Regen ist dieser Effekt besonders stark. Ich frage mich, ob sie es nicht wahrnehmen, all die anderen Leute, die da an mir vorbeihetzen, oder ob sie es verlernt haben innezuhalten. Wenn ich könnte, ich würde dort stehenbleiben und in diesem kleinen Fleckchen Schönheit baden, bis er vergeht.
Es gibt diesen Baum, er blüht nicht allzu lang, jedes Jahr im Frühjahr, wenige Tage in voller Perfektion. Ich stelle mir vor, wie es wäre, hätte er kein Ablaufdatum. Ob ich ihn sehen, ihn riechen, überhaupt wahrnehmen würde, oder ob seine Pracht nur in der Vergänglichkeit liegt. Ich glaube, er erinnert mich an das Leben.

30.04.2021

Ich stehe auf der Brücke, der kalte Morgen schlägt mir ins Gesicht, Frost im April, irgendwie herbstlich. Die Sonne steht hinter den Wolken, sie hängen tief über dem Fluss, Wolken oder Nebel, ich bin mir nicht sicher und letztendlich macht es keinen Unterschied.
Wenn ich mein Inneres beschreiben wollte in diesen Tagen, ich könnte es nicht besser als mit diesem Bild. Habe keine Worte mehr für das was ist, erst recht nicht für das, was sein soll, aber fühle es umso mehr, in diesem Moment. Links von mir der Nebel, alles umfangend, nasskalte Luft, die in jede Pore kriecht, rechts der kristallklare Tag. Ich könnte hier stehenbleiben, warten, bis sich der Nebel verzieht, oder zumindest darauf hoffen. Stattdessen steige ich auf mein Fahrrad und fahre mitten hinein ins Blau, lasse mich von der Sonne blenden, die ich sonst so gern hinter dunklen Gläsern aussperre, aber heute nicht.
Diese Entscheidung treffe ich jeden Tag neu. An manchen Tagen gibt es Nebel, an anderen ist der Himmel bedeckt, hin und wieder scheint die Sonne so hell, dass ich Kopfschmerzen bekomme. Meine Richtung ist immer die gleiche, so oder so: Nach vorn.
Vielleicht, denke ich, wird der Nebel immer ein Teil von mir sein, eine jahreszeitliche Erscheinung. Und wir wissen ja, wie es mit den Jahreszeiten ist: Manchmal ist der Frühling grau, manchmal hellbunt leuchtend.

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