Wir hier drinnen #1

Es ist ein wolkenverhangener Samstagmorgen. Es soll nachher noch schön werden, behauptet der Wetterbericht, aber noch ist das kaum zu erahnen, scheint es eher ein milder Herbsttag zu werden als ein letzter Akkord des Sommers. Das Gras ist trocken. Die Pfoten des Hundes tänzeln darüber, dazwischen die Nase, überall Wildspuren, ich lasse die Leine dran, gehe zügigen Schrittes. Die Luft kriecht zäh in meine Lungen, beinah schon klebrig, ich bin außer Atem, kaum dass ich losgelaufen bin, ich sollte wieder mehr Sport machen, denke ich zum tausendsten Mal in diesem Jahr. Seit ich Mutter bin, steht Sport an letzter Stelle, der Alltag ist mein Workout, aber für wirkliche Fitness ist das eben nicht genug, sagt mir das Engegefühl in meiner Brust.

„Vielleicht mache ich doch mal einen Test“, sage ich zum Mann, kaum dass ich wieder zu Hause bin, denn so richtig akzeptieren kann ich den Mangel an Kondition dann doch nicht. Die Packungen liegen in der Schublade, fast schon in Vergessenheit geraden durch niedrige Zahlen und zwei Pikser im Oberarm, als stünden wir seitdem plötzlich über den Dingen. Spoiler: Tun wir nicht.

Die zwei Striche starren mich an, rosa auf weiß, scheinen mich zu verhöhnen, während ich zum Telefon greife. Zwei Minuten automatische Ansage, alle Leitungen belegt, ich fliege raus. Nochmal von vorn. Beim sechsten Anruf lande ich in der Warteschleife. Die Musik klingt ziemlich melancholisch, denke ich. Ob das gewollt ist? Wir tanzen durch’s Wohnzimmer. Schon besser. Irgendwann, als wir den Ursprung des nie enden wollenden Songs schon beinah vergessen haben, meldet sich eine Frauenstimme, geht fast unter im kreischenden Lachen des Kindes. Ich hechte nach dem Handy und in den Flur. „Hallo?!“

Ob man auch am Wochenende irgendwo einen PCR-Test machen lassen kann, möchte ich wissen. Kann man natürlich nicht. Die Testzentren hätten doch alle geschlossen, aber sie könne mal nachsehen, erklärt mir die Frau am anderen Ende der Leitung, sie klingt semiprofessionell genervt. „Die Nummer mit den Elfen“, lautet der Werbespruch der 116 117, aber Elfen habe ich mir immer irgendwie netter vorgestellt, empathischer. Ich wage nicht, ihr zu erklären, warum diese zwei Tage für mich einen gewaltigen Unterschied machen: Dass ich emotional nicht stabil bin, dass diese Tatsache für mich hin und wieder kritisch wird. Frage stattdessen, ob sie mir einen Bereitschaftsarzt vermitteln kann. „Wozu brauchen Sie denn den?“, schießt es aus der Leitung. „Sie werden ja wohl keine Atemnot haben!“ Ich lege auf.

Als ich zurück in die Küche tapse, sieht mein Mann mich fragend an. Ich schüttle nur den Kopf, seufze, nehme die Tasse Tee entgegen, die er mir hinhält, klammere mich an die dampfende Wärme, eine Spur zu heiß in meinen Händen und vielleicht deswegen genau richtig. „Montag also?“ Ich nicke. Draußen scheint jetzt die Sonne.

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